Forum-Wettbewerb: Die Wette mit dem Gevatter

Veröffentlicht von Francis Behrend am

Liebe Autorinnen und Autoren, heute möchte ich euch den dritten Platz unserer Kurzgeschichten-LBM-Aktion vorstellen. Ihr werdet dem Tod begegnen, also nehmt euch in Acht. Viel Spaß beim Lesen!

Leipziger Buchmesse, juchu, dieses Jahr würde ich sie endlich besuchen. Die Tickets lagen schon seit Januar in der Kommode, samt einem Notgroschen im Briefumschlag. In großen Buchstaben stand in rotem Edding „LBM“ darauf.
Der Freitag brach an und ich stand noch vor dem Morgengrauen auf, immerhin waren es mit dem Zug gute drei Stunden zu fahren. Ein mulmiges Gefühl saß mir im Nacken, als ich total übermüdet und hektisch aus dem Bett sprang. Zuerst gab die Kaffeemaschine den Geist auf und meine Notfall-Senseo war mit den Jahren der Inaktivität verrostet, von dem Wassertank mit der lebendig wirkenden schleimigen Masse wollen wir gar nicht erst reden. Beim Blick auf die Uhr setzte mein Herz einige schreckliche Sekunden lang aus, nur um dann schmerzhaft weiter zu poltern. Auf der Suche nach einem schwarzen Glücksmacher hatte ich total die Zeit vergessen!
Hastig stieg ich in die zum Glück schon vorbereitete Kleidung und eilte zur Wohnungstür hinaus. Vom Wandhaken neben der Tür griff ich mir noch rechtzeitig den Schlüsselbund, ehe ich mich selbst aussperren konnte. Doch schon eine Etage tiefer fiel mir auf: ich hatte den Briefumschlag vergessen! Also rannte ich wieder hinauf, öffnete hektisch die Tür, zerrte die Schublade der Kommode auf, schnappte das Couvert, stieß die Schublade mit der flachen Hand zu und rannte wieder aus der Wohnung. Laut scheppernd fiel die Tür ins Schloss. Auf der zweiten Etage stolperte ich über meinen plötzlich wieder geöffneten Schnürsenkel und fiel einige Stufen hinab, ehe ich mich am Geländer festkrallen konnte – wobei ich ausgerechnet in einen hervorstehenden, rostigen Nagel griff und mir einige lose Holzsplitter von dem altersschwachen Geländer einfing -schwer atmend und mit Schmerzen rappelte ich mich auf. Nur noch fünfzehn Minuten bis zur Abfahrt!
Wie von einer Horde Oger gehetzt, sprintete ich Richtung Bahnhof. An der letzten Kreuzung achtete ich schon gar nicht mehr auf die Ampeln – die Zeit hatte ich schlichtweg nicht mehr – und rannte quer über die Straße. Ein ohrenbetäubendes HUUUUP und das Quietschen von Bremsen ertönten, dann gab es einen üblen Rums und ich wurde meterweit von meinem Ziel – dem Hauptbahnhof- weggeschleudert. Dabei war ich doch so knapp davor!
Mit letzter Kraft kroch ich auf allen Vieren weiter. Ich musste in meinen Zug kommen, der in 5 Minuten abfahren würde! Ein Mann mit schwarzem Anzug, Lackschuhen und Zylinder ging gemächlich seinen Spazierstock schlenkernd neben mir her. Im Gegensatz zu mir schien er alle Zeit der Welt zu haben.
„Wenn es ihnen nichts ausmacht, könnten Sie mir bitte helfen – ich muss meinen Zug erreichen.“
Hoffnungsvoll sah ich ihn an, dabei lief mir warme Flüssigkeit übers Gesicht und ich bekam kaum Luft.
„Das könnte ich in der Tat, mein junger Freund, doch würde es mir die Arbeit erschweren, wenn sie in diesen ICE steigen.“
Perplex starrte ich ihn an.
„Welche Arbeit? Sind sie etwa ein Leichengräber oder sowas in der Art?“
Er lachte laut meckernd los, doch offenbar schien sich niemand daran zu stören.
„So etwas in der Art trifft es ganz gut, dünkt mir. Sagen wir es so: ich verschaffe den guten Herren ihr Arbeitsmaterial.“
Verärgert beschloss ich, ihn zu ignorieren und schleppte mich weiter. Man hörte die Sirenen des Martinshorn, die sich näherten, und der fein gekleidete Herr biss fest die Zähne zusammen. Ich bildete mir sogar ein, dass er ein zischendes Geräusch machte.
„Diese vermaledeiten Samariter! Das ist mein Kunde, den nehmen sie mir dieses Mal nicht weg!“
Plötzlich beugte er sich zu mir hinab und packte mich grob an meinem Arm. Schneller, als mir in meinem Zustand lieb war, dirigierte er mich zu meinem Zug und setzte sich mit mir hinein. Erleichtert atmete ich auf, sofern man das blubbernde Geräusch und die hartnäckige Atemnot so nennen konnte.
„Wo soll die eilige Reise denn hingehen?“, fragte er beiläufig und sah mich neugierig an.
„Zur LBM, dieses Jahr kann ich endlich dorthin.“
Eine aristokratisch wirkende Augenbraue wurde hochgezogen und er legte den Zeigefinger in Denkerpose an das markante Kinn.
„Was ist das, LBM?“, fragte er.
Kopfschüttelnd sah ich ihn an und musste lachen. Jeder, selbst schon die Grundschulkinder, wusste, was die LBM war! Doch plötzlich wurden seine Augen schwarz und die Haut spannte über seinem Totenschädel. Als er dann noch Sense und Sanduhr in den Händen hielt, blieb mir das eben noch schadenfrohe Lachen im Hals stecken und ging in einem blubbernden Gurgeln unter.
„Nun denn. Andere werden mir sicher bereitwilliger Auskunft geben.“
Er rollte ein Pergament auf und zeigte es mir. Ganz oben stand in altdeutschen Lettern mein Name in blutroter Farbe, der Name darunter war mit schwarzer Tinte geschrieben.
„Was bedeutet der Farbunterschied?“, fragte ich leise und deutete auf das Pergament. Gemächlich rollte er es wieder zusammen und wackelte munter grinsend mit der Sense.
„Lass es mich einfach erklären: Du bist ein Eilauftrag.“
So gemein konnte nicht einmal das Schicksal sein. Endlich hatte ich alles zusammengespart, um endlich einmal die Buchmesse besuchen zu können und nun sollte ich mit meinen jungen 30 Jahren sterben – einfach so.
„Lass uns eine Wette machen.“, schlug ich ihm verwegen vor und er sah mich neugierig an.
„Sprich.“
„Wenn du bis zur Ankunft herausfindest, was die LBM ist, kannst du mich einsammeln. Schaffst du es nicht, musst du mich nicht nur gesund machen, sondern auch bis zu meinem natürlichen Ende ziehen lassen.“
Kurz betrachtete er mich und legte seine Stirn in steile Falten, denn nun sah er wieder wie ein normaler, feiner Herr aus.
„Abgemacht.“
Er reichte mir die Hand, in die ich einschlug. Sein fester Griff besiegelte die Wette, dann ging er davon. Erleichtert schloss ich die Augen.
„Sehr geehrte Damen und Herren, in wenigen Minuten erreichen wir den Leipziger Hauptbahnhof. Wir hoffen, Sie hatten eine gute Fahrt, und wünschen Ihnen einen angenehmen Aufenthalt. Verbindungen zum Regionalverkehr und Stadtverkehr sind ausgeschildert. Vielen Dank, dass Sie sich für die Fahrt mit der deutschen Bahn entschieden haben.“
„LBM bedeutet Leipziger Buchmesse und nun komm, ich habe noch andere Kunden!“
Plötzlich stand er neben mir und lieferte die richtige Antwort. Seine Sense funkelte bedrohlich, während sie auf mich zuraste. Danach umfing mich die Dunkelheit, aus der sein meckerndes Lachen erklang.

Die Kurzgeschichte stammt aus der Feder von Liam Rain.

Worte jenseits der Vernunft. Welten, in denen fast vergessene und neumodische Mythen leben. Prickelnde Leidenschaft und Romantik – dafür steht Liam Rain.
Unter dem Pseudonym Liam Rain findet man Fantasy-Bücher (mit & ohne Erotikanteilen) für Erwachsene.
Im Oktober 1981 wurde Liam im schönen Saarland geboren – wo er auch zurzeit mit seiner Familie lebt. Er ist ein schräger Vogel mit Galgenhumor, süchtig nach Kaffee und Musik. Seine Leidenschaft zum Schreiben und Lesen entdeckte er bereits früh in der Grundschule. Von da an ärgerte er seine Lehrer regelmäßig mit sehr langen und fantasievollen Aufsätzen. Später versuchte Liam sich an Gedichten und der einen oder anderen Kinder- & Jugendkurzgeschichte. Heute widmet er die meisten seiner Worte der Welt hinter der Vernunft. Dort, wo es Phönix, Werwolf und sogar Harpyie gibt. Wo Misch- und Wer-Wesen in derselben Welt nebeneinander leben und der Mensch eher als Leser denn als Einwohner anwesend ist.

Lektoriert wurde die vorliegende Kurzgeschichte von Kate Fianna.

Die Kurzgeschichte von Finley, die mit „Von Buchmessen, Landmassen und Kopfgeldjäger-Aliens“ den vierten Platz belegt hat, findet ihr hier.


Francis Behrend

Francis Behrend ist eine Autorin und Leserin aus dem Bergischen Land. Seit ihre beste Freundin sie durch Fanfictions in die Welt der eigenen geschriebenen Worte eingeweiht hat, schreibt sie an eigenen Geschichten. Während ihres Geschichts- und Philosophiestudiums kam sie meist nicht dazu, in fantastische und romantische Plots einzutauchen, aber danach stürzte sie sich in ihre Manuskripte. Seit 2017 macht Francis als „Buchbummelant“ sowohl Twitter als auch die Schreibnacht unsicher, und seit 2019 schreibt und lektoriert sie regelmäßig für das Schreibnacht-Magazin.

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