Forum-Wettbewerb: Von Buchmessen, Landmassen und Kopfgeldjäger-Aliens

Veröffentlicht von Francis Stuhlmüller am

Liebe Autorinnen und Autoren, mit Stolz präsentiere ich den vierten Platz unseres Leipziger-Buchmesse-für-Daheimgebliebene-Wettbewerbs: „Von Buchmessen, Landmassen und Kopfgeldjäger-Aliens“ von Finley.

Viele wackere Autorinnen und Autoren haben dazu beigetragen, die Aktion zu einem Erfolg werden zu lassen, und dafür möchte ich mich herzlich bedanken! In den folgenden Wochen werde ich die vier Kurzgeschichten posten, die am meisten Zustimmung bekommen haben. Viel Spaß! – Francis

Lokkaka Ulpharn Dronanweq, der verstoßene Thronfolger der Landmasse 9 vom Planeten Haumea im Kurpiergürtel: Dreizehn fehlgeschlagene Putschversuche in fünf Systemen, zum Tode verurteilt unter anderem auf Dysnomia, Eris und dem Neptun, in dessen weiterem Umfeld er sich aktuell aufhalten soll.
„Näh“, tue ich den Vorschlag meines Piloten ab und lasse eine bereits enttäuschend geschmacksneutrale Kaugummiblase platzen. „Das liegt im Sonnensystem der Erde. Wenn wir da durchkommen, krieg’ ich wieder ‘ne Heimwehattacke. Gibt’s nicht noch was… Exotischeres?“
Ich schiebe mich wenig enthusiastisch aus der Schlafkoje ins Cockpit, bestätige unserem Raumschiff per Fingerabdruck, Speichelprobe und Irisscan, dass ich immer noch dieselbe Kopilotin wie sechs Stunden zuvor bin, dann lasse ich mich lustlos in meinen Sitz sinken.
Ich seufze genervt, während mein langjähriger Expeditionsgefährte Haikou neben mir den Antrieb anlaufen lässt und die Liste der aktuell gesuchten Verbrecher in unserem Sektor durchgeht.
„Und warum kriegen die Idioten von Spacey Navigatey Sercvices es nicht hin, ihre innerplanetarischen Karten auf dem neusten Stand zu halten?“ Ich schnipse einen klebengebliebenen Müslikrümel der wenig appetitlichen heutigen Frühstücksration von meiner Uniform. „Ich bin mir ziemlich sicher, dass die Haumeaner keinen ihrer Kontinente Landmasse 9 getauft haben. Klingt wie das Werk irgendeines sehr gelangweilten Praktikanten. Klingt wie etwas, das ich als SNS-Praktikantin machen würde.“
Tadelnd vernehme ich Haikou, als er sich mir telepathisch mitteilt, ohne seinen glänzenden, achteckigen Kopf auch nur minimal zu mir zu drehen:
Außerdem hat der Koheltje-Barsamopj-Steckbrief vor kurzem eine Kopfgelderhöhung erhalten: drei Mal schwere Körperverletzung innerhalb der letzten zwei Wochen, jeweils auf drei unterschiedlichen Planeten im Alpha… Warum muss ich dir das eigentlich vortragen?, beschwert sich mein extraterrestrischer Freund bei mir. Könntest du so freundlich sein, dein Gehirn in das Datennetzwerk einzuklinken? Es bedeutet enormen Zeitaufwand, Informationen in einer Sprache ausformuliert, Wort für Wort zu übermitteln.
Ich muss grinsen.
„Tja, und jetzt stell dir vor, wie lange es dauert, Informationen auszutauschen, wenn man die Wörter auch noch mit seinem Mund aussprechen muss. Wir Menschen sind 90% der Zeit nur am Reden, damit wir unsere furchtbar wichtigen Informationen irgendwie in jemand anderes Hirn bekommen!“
Du zumindest.
Ich schüttle den Kopf und werfe einen Blick auf das holografische Display, das mein Armbandcomputer in auf meine Sehstärke angepasstem Abstand vor meine Nase projiziert. Trotz all der telepathischen und neurotechnologischen Möglichkeiten nehme ich Informationen immer noch bevorzugt lesend auf.
„Hrazzarh der Zerstörer… Gott, jeder dritte Kleinkriminelle brüstet sich heutzutage als ‘Der Zerstörer’, ‘Der Schänder’ oder ‘Der Imperator’…“
Wenn du unsere potentiellen Missionen weiterhin nach diesem merkwürdigen Suchalgorithmus der persönlichen Bezeichnungsvorlieben bewertest, muss ich erwägen, dich in Zukunft vom Entscheidungsprozess ausschließen.
„Jaja, schon gut, nimm Klohälter Basmatimops, die Kohle sieht gut aus.“
Ich lade den Kurs aus dem Navigationssystem. Wir werden zirka…

In diesem Moment streift mein Blick die Ortungsvisualisierung auf dem Hauptschirm und mein Herz setzt für einen Schlag aus.
„Warum sind wir denn HIER?“
Ist das eine rhetorische, philosophische oder selbstironische Frage, Madame ‘Ich lasse das Schiff beim Schlafen nicht auf Autopilot, ich parke das jetzt hier’?
Ich springe aus meinem Sitz auf, stürme ans hinterste Bullauge und presse mein Gesicht gegen die Scheibe. Da draußen ist sie… die Erde.
„Ich hatte doch gesagt, dass ich hier nicht vorbeifliegen will, wie ist das jetzt wieder passiert?“ Meine Frage kommt mir nicht so vorwurfsvoll über die Lippen, wie sie gemeint sein sollte. Eher euphorisch und ein bisschen begeistert ob dieser unerwarteten Überraschung. Ich hüpfe zum Visualisierungkontrollpult und rufe hektisch alle verfügbaren Holo-Infodumps auf.
„Welches Datum haben sie auf der Erde gerade?“
Wenn du dich da jetzt wieder hinein steigerst, hängen wir den halben Tag hier fest und am Ende kannst du doch nicht…
„Ist nicht wahr!“, entfährt es mir. „Weißt du, was heute ist?“
Noch nicht.
„Heute ist der erste Tag der Leipziger Buchmesse!“
Fantastisch. Ich vermute, du wirst mir dieses höchst interessante und einzigartige Menschheitsereignis gleich wortgewaltig erklären wollen, indem du es in Sprache ausformulierst. Bitte schließe dich doch stattdessen ans Netzwerk…
Ich schnaube. „Die Leipziger Buchmesse kann man nicht erklären, indem man das Wissen über sie als Datenstrom zugänglich macht. Die Leipziger Buchmesse muss man in Sprache ausformuliert beschreiben, es ist schließlich eine Buchmesse! Die Menschheit – also, sagen wir ein Teil der Menschheit, natürlich nicht alle, aber – jedenfalls der entscheidende Teil der Menschheit trifft sich für einige Tage in einer riesigen Halle voller Wunder, Magie und Fantasie, und sie feiert die Existenz von Büchern!“
Dieses unterentwickelte Medium zum Informationsaustausch, basierend auf der Versymbolisierung formulierter Sprache, das Informationen einer mehrfachen Umrechnung von Gedanke in Bewegung, in Klang und in Symbol unterzieht, noch dazu durch den unzuverlässigsten Rechner aller Zeiten, das menschliche Gehirn? Das feiert ihr?
Ich bin viel zu enthusiastisch, um auf seine Sticheleien einzugehen, und suche bereits einen möglichen Landeplatz, von dem aus ich das Messegelände erreichen könnte.
Fin. Die Erde ist ein Klasse D Planet. D wie ‘Don’t land your spaceship there’.
„Ja ich weiß“, zische ich, „aber ich kann vielleicht…“
Sergeant Fin Ley, wir befinden uns im Außeneinsatz und auf einer Mission…
„Noch nicht!“
… so gut wie auf einer Mission, und es wird jetzt hier nicht wieder mehrere Tage außerplanmäßigen Urlaub geben, das mit Gorpona III war das letzte Mal, dass ich für solche Aktionen ein Auge zugedrückt…
„Ist ja gut“, gifte ich ihn zornig von der Seite an, „Der Klobürsten-Typ, bitte. Dann starte endlich das verdammte Schiff, damit wir hier wegkommen. Ich sag’ doch immer, du sollst nicht so nah an der Erde vorbeifliegen.“
Bin ich ja gar nicht.
Ich werfe einen letzten sehnsüchtigen Blick auf den kleinen blauen Punkt draußen vor der Scheibe. Eines Tages, denke ich und spüre, wie ein wehmütiger Optimismus mich tröstend umfängt. Eines Tages werde ich dabei sein.
Dann nehme ich entschlossen wieder auf dem Sessel der Kopilotin Platz und klappe meine rechte Augenbraue hoch, um mich über den neuronalen Emulator mit dem Schiffscomputer zu synchronisieren. Wollen wir doch mal sehen, ob ich den Basmatimops erwischen kann, bevor die Schreibnacht-Truppler ihre ersten Meetup-Selfies posten.

Die Kurzgeschichte stammt aus der Feder von: Finley

Der bekannte Star-Astrologe Erich Bauer bezeichnet Finley ob ihrer Skorpionalität gerne als „verharrend, bindend, verschmelzend, einnehmend, aufnehmend, auflösend und bewahrend“. Dies ist erstaunlich zutreffend, ignoriert man den Umstand, dass beinahe jede horoskopische Aussage auf jeden Menschen als erstaunlich zutreffend angewendet werden kann. Fin untersucht diesen Umstand aktuell in ihrer Doktorarbeit „Holz und Vorurteil – Von einem, der auszog, um Bullshit zu labern“ und schreibt in ihrer Freizeit Fanfiktion über Nazgûl, die so großen Hunger nach Plätzchen haben, dass sie ihre Magensäure in die Welt hinauskotzen, um sich körperextern auf Nahrungssuche zu begeben. #relatable
Bei Twitter findet ihr sie unter @FinleyLava .

Lektoriert wurde die vorliegende Kurzgeschichte von Kate Fianna.


Francis Stuhlmüller

Francis Stuhlmüller ist eine Autorin und Leserin aus dem Bergischen Land. Seit ihre beste Freundin sie durch Fanfictions in die Welt der eigenen geschriebenen Worte eingeweiht hat, schreibt sie an eigenen Geschichten. Während ihres Geschichts- und Philosophiestudiums kam sie meist nicht dazu, in fantastische und romantische Plots einzutauchen, aber danach stürzte sie sich in ihre Manuskripte. Seit 2017 macht Francis als „Buchbummelant“ sowohl Twitter als auch die Schreibnacht unsicher, und seit 2019 schreibt und lektoriert sie regelmäßig für das Schreibnacht-Magazin.

1 Kommentar

Forum-Wettbewerb: Die Wette mit dem Gevatter – Schreibnacht-Magazin · 12. April 2019 um 13:18

[…] Die Kurzgeschichte von Finley, die mit „Von Buchmessen, Landmassen und Kopfgeldjäger-Aliens“ den vierten Platz belegt hat, findet ihr hier. […]

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