#Schreibnachtadventskalender – Der andere Weihnachtsbaum

Veröffentlicht von Bellasie am

Herzlich Willkommen zu Türchen Nr. 14.

Wir haben wieder Azul Celeste zu Gast. Diese hat sich auch hinter Türchen Nr. 3 versteckt.

Als 3-fache Vollzeitmama ist das Schreiben mir ein sehr wertvolles Hobby. Angefangen habe ich damit schon vor vielen Jahren mit Fanfiction, doch inzwischen arbeite ich an einem eigenen Roman. Auch einige Kurgeschichten sind entstanden. Zur Schreibnacht bin ich erst in diesem Sommer gestoßen, um den angefangenen Roman endlich zu einem guten Ende zu führen. Der Austausch mit anderen Autoren ist unheimlich bereichernd und motivierend.

Der andere Weihnachtsbaum

Wenn alljährlich an Straßenecken, auf Parkplätzen und in Baulücken wieder die Verkaufsstände für die Weihnachtbäume eröffnen, dann schmunzele ich in mich hinein. Ich schleiche nicht stundenlang um Nordmanntannen und Blaufichten herum: zu groß, zu klein, zu krumm, zu lückenhaft – all das kann mir egal sein. Auch muss ich nicht mit klammen Fingern den sperrigen Baum ins Auto befördern. Nein, denn wir haben eine ganz andere Weihnachtsbaumtradition.

Mama war mit meiner jüngsten Schwester schwanger. Schon im November kündigte sich an, dass sie viel mehr Ruhe brauchte, als es unsere bisher fünfköpfige Familie zuließ. Noah und ich waren schon Schulkinder und Birte ging noch in den Kindergarten.

„Warte bitte auf Noah“, sagte meine Mama morgens, bevor wir das Haus verließen. „Und erinnere ihn bitte daran, den Turnbeutel wieder mit nach Hause zu bringen!“ Noah war Erstklässler und vergaß ständig seine Sachen, aber ich ging schon in die Vierte.

„Ja, Mama!“, sagte ich und steckte rasch meine Sammelkarten in die Jackentasche. Frau Krüger aus dem dritten Stock hatte mir gestern ein paar zugesteckt und heute wollte ich sie in der Schule tauschen.

Da klingelte es. „Da ist Anette. Ihr müsst los.“ Mama küsste uns alle und dann brachen wir auf. Birte mit ihrer dicken roten Bommelmütze hielt ihre Puppe fest im Arm. Wir waren schon fast unten, da fiel Noah ein, dass er seine Mütze vergessen hatte und er rannte noch einmal nach oben.

„Guten Morgen, Hannes, guten Morgen, Birte!“, begrüßte uns Anette, als wir auf die Straße traten. Ich grüßte zurück und wartete dann auf Noah.

„Hallo, Laura!“ Birte fiel ihrer Freundin um den Hals. „Hallo Baby Leo!“ Sie beugte sich über den Kinderwagen, um Lauras kleinen Bruder zu begrüßen. Geschwisterkinder waren im Kindergarten hoch angesehen und Birte freute sich von uns Dreien wahrscheinlich am Meisten auf das neue Baby.

Lauras Mama verabschiedete sich von Noah und mir, als Noah mit seiner Mütze aus dem Haus trat. Die beiden Mädchen fassten sich an der Hand und hüpften gemeinsam den Weg entlang in Richtung Kindergarten.

Noah und ich gingen in die andere Richtung. Noah kickte seinen Turnbeutel vor sich her. „Du, Hannes“, begann er. „Wenn Mama jetzt gar nicht mehr aufstehen darf… bekommen wir dann überhaupt einen Adventskalender?“

Darüber hatte ich mir auch schon Gedanken gemacht. Papa war auf einem Umlauf; so nennen die Piloten ihre langen Flugreisen. China war es diesmal. Wie jedes Jahr in den Vorweihnachtswochen war er kaum zu Hause: mal ein paar Tage zum Erholen, dann ging es wieder weiter.

„Klar! Mama lässt sich bestimmt etwas einfallen und vielleicht hilft Anette ihr.“ Anette war Mamas Freundin und sie half uns viel: nicht nur damit, dass sie Birte mit zum Kindergarten nahm, obwohl das für sie eigentlich ein Umweg war. Ich hoffte bloß, dass Anette den Adventskalender nicht nur mit irgendwelchem Ökozeug füllte. Wir waren einmal bei ihnen zu Besuch gewesen und da gab es für uns Kinder nur diese harten, trockenen Vollkornkekse.

Aber meine Gedanken behielt ich für mich, um Noah keine Angst zu machen. Am Ende begann er noch zu weinen. Und das wäre doch zu peinlich, mit so einer Heulsuse in die Schule zu kommen.

„Schau mal, Hannes, ein A380!“ Das Dröhnen von Flugzeugtriebwerken war zu hören und vor uns schwebte ein riesiges Flugzeug über die Stadt in Richtung Flughafen. „Eine Lufthansa! Ist das Papa?“

„Nein, Noah. Das ist nicht Papa. Papa kommt doch erst nächste Woche wieder.“ Ich sah wie sich das Flugzeug in eine leichte Kurve neigte. Es hatte den typischen Buckel einer Boeing. „Das ist eine 747“, klärte ich Noah auf. „Siehst Du? Sie hat diesen Buckel vorne.“

Mit Flugzeugen kannte ich mich aus. Wir hatten schon oft die große Flughafenrundfahrt gemacht und ich hatte auch ein großes Buch über Flugzeuge. Vor uns tauchte das Schultor auf und von Weitem schon erkannte ich meine Freunde. „Komm, wir beeilen uns“, rief ich und rannte voraus.

Ich sollte recht behalten. Mama und Anette kümmerten sich um unsere Adventskalender. Ich bekam einen mit coolen Lego Raumschiffen. Noahs Kalender enthielt Feuerwehrmännchen; er wollte nämlich mal Feuerwehrmann werden; natürlich bei der Flughafenfeuerwehr. Birte hätte am liebsten schon am ersten Advent alle Tütchen aufgemacht, um ihre Feen auszupacken und anzukleiden.

Im Gegensatz zu den Adventskalendern, die Mama mit Anette selbst gebastelt hatte, war der Adventskranz in diesem Jahr nur ein gekaufter. Mama fehlte einfach die Energie, ihn wie sonst selbst zu binden. Stattdessen brachte Frau Krüger uns einen vom Blumenladen mit. Mama entfernte das kitschige Glitzerzeug und steckte einige von unseren Äpfelchen und Nüssen dazu. Dann durfte ich ihn auf den Tisch stellen.

Mama lag viel. Sie las uns vor, ließ sich unsere Hausaufgaben zeigen und bastelte im Liegen mit uns Fenstersterne aus Transparentpapier. Anette hatte ihr ein kleines Tablett mit Stützen mitgebracht, das man aufs Bett oder Sofa stellen konnte. Da konnte Mama auch im Liegen Fröbelsterne und Fensterbilder basteln. So wurde unsere Wohnung ganz langsam weihnachtlich.

Einmal backten wir sogar zusammen Plätzchen und ich durfte in der Küche ganz alleine die Bleche in den Ofen schieben, den Wecker stellen und die Plätzchen rechtzeitig wieder heraus nehmen. Mit den großen Handschuhen war das ein bisschen schwierig und einmal rutschten alle Plätzchen auf den Boden, aber ich verbrannte mich nicht; und die Plätzchenkrümel waren trotzdem lecker.

Als Mamas Hebamme am frühen Abend kam, schlug sie die Hände über dem Kopf zusammen und half uns erst einmal, die Küche wieder aufzuräumen. Das war gut, denn in der Nacht erwarteten wir Papa zurück.

Leider war er nur für wenige Tage zu Hause und hatte so viel zu tun, um alles für das Baby vorzubereiten, dass wir es nicht schafften, einen Weihnachtsbaum zu kaufen.

„Halt die Stellung, Großer!“, sagte er mir, bevor er wieder zum Flughafen fuhr. Diesmal war Moskau das Ziel und ich steckte das Fähnchen auf meiner Weltkarte auf die russische Hauptstadt.

Schließlich kam die Weihnachtswoche. Übermorgen war Heiligabend und wir hatten noch immer keinen Weihnachtsbaum. So langsam wurde ich unruhig, aber morgen sollte Papa ja wieder kommen.

Am Abend wünschte ich Mama gute Nacht, bevor ich ins Bett ging. Sie war vom Sofa ins Schlafzimmer umgezogen und hatte den Kleinen zuvor die Gute-Nacht-Geschichte vorgelesen.

Mama winkte mich zu sich und ich setzte mich auf die Bettkante. „Du bist mir eine große Hilfe, Hannes! Toll, wie du die Plätzchen gebacken hast und dass Du immer so gut auf Noah und Birte aufpasst.“

Ich bekam ein ganz warmes Gefühl im Bauch. „Aber klar doch, Mama. Ich bin ja schon groß!“, sagte ich stolz.

„Bist ein toller großer Bruder!“ Sie strubbelte mir durch die Haare, aber ich zog grinsend den Kopf weg, dann fiel mir etwas ein.

„Geht Papa morgen mit uns den Weihnachtsbaum kaufen, Mama?“ Sonst hatten wir den Christbaum immer schon am vierten Advent aufgestellt, damit es länger weihnachtlich aussah im Wohnzimmer, aber Papa war kaum da gewesen. Anette hatte sich angeboten, aber Mama hatte sie immer vertröstet, denn der Weihnachtsbaum war Papas Aufgabe.

„Bestimmt, Hannes.“

„Und wenn er zu müde ist?“ Wenn Papa von einem Umlauf zurückkam, schlief er immer sehr viel, weil in China, Japan und wo er sonst so hinflog eine ganz andere Zeit war als bei uns in Deutschland.

„Einen Christbaum zu kaufen, das wird er sicherlich schaffen“, beruhigte mich Mama. Dann küsste sie mich und ich ging ins Bett.

Als ich erwachte, war es schon hell. Heute war der erste Ferientag und ich durfte ausschlafen. Schnell stand ich auf und noch im Schlafanzug lief ich ins Wohnzimmer. Auf dem Sofa lag Mama. Birte spielte neben ihr mit den Puppen. Noah saß am Küchentisch und löffelte sein Müsli.

„Ist Papa da?“

„Ne-ein!“, krähte Birte und Noah fügte mit vollem Mund hinzu: „Po-pa musch abeiten!“

Ich starrte Mama an. „Echt?“

Sie nickte. „Komm mal her, Hannes.“

„Nein!“, schrie ich. „Papa muss doch heute mit uns den Weihnachtsbaum kaufen. Er kann heute nicht arbeiten!“ Überhaupt war er seit fast einer Woche nicht mehr zu Hause gewesen. Das war nichts Neues für mich: Papa arbeitete als Cargo-Pilot und vor Weihnachten war immer besonders viel los. Schon oft hatte er sogar an Heiligabend Dienst gehabt. Aber dann war er wenigstens vorher da gewesen.

„Wann kommt er wieder?“, fragte ich rasch. „Heute Abend? Dann können wir morgen…“

Doch Mama unterbrach mich. „Papa kommt erst am ersten Feiertag wieder. Es sind so viele Kollegen krank. Sie brauchen ihn ganz dringend.“

Normalerweise war ich stolz auf meinen Papa. Er sah toll aus, in der dunkelblauen Uniform mit den goldenen Streifen am Ärmel. Wenn er uns manchmal direkt nach dem Flug von der Schule abholte, freuten Noah und ich uns riesig und stolz gingen wir unter den neugierigen Blicken der anderen Kinder neben ihm nach Hause.

Aber jetzt gerade, an diesem 23. Dezember, hasste ich den Beruf meines Vaters: nicht nur, dass es mal wieder ein Heiligabend ohne Papa werden würde. Nein, wir hatten noch nicht mal einen Weihnachtsbaum. Und Anette konnte uns jetzt auch nicht mehr helfen. Die war nämlich mit Laura und Leo zu Oma und Opa in den Schwarzwald gefahren.

Wütend versetzte ich dem Küchenstuhl einen Tritt, sodass er krachend umfiel, und rannte aus dem Raum. „Hannes!“, hörte ich meine Mutter rufen, aber ich lief in mein Zimmer, warf mich aufs Bett und vergrub mein Gesicht im Kissen. Heiße Tränen standen mir in den Augen. Das konnte doch nicht wahr sein!

Erst viel später stand ich auf und ging wieder hinunter. Warum Noah kein Theater machte, obwohl Papa nicht kam, konnte ich nicht verstehen. Er saß in seinem Zimmer und spielte mit seinem Feuerwehrauto.

„Hannes“, rief er mir zu, „Hannes, weißt Du, wer heute kommt?“

„Wenn es nicht Papa ist, will ich es gar nicht wissen!“

„Onkel Stefan“, teilte mir Noah dennoch mit.

Onkel Stefan? „Stimmt das, Mama?“, rief ich und konnte gar nicht schnell genug ins Wohnzimmer kommen, wo Mama noch immer auf dem Sofa lag. Birte hatte sich neben sie gekuschelt. Mama döste mit geschlossenen Augen und hatte eine Hand auf dem dicken Bauch abgelegt.

„Stimmt das, Mama? Onkel Stefan kommt?“

Mama öffnete die Augen und sah mich lächelnd an. „Ja, Hannes. Papa hat ihm erzählt, dass er leider arbeiten muss und da hat Stefan sich kurzerhand entschieden, über die Feiertage zu uns zu kommen. Ist das nicht toll?“

„Yeah!“ Vor Freude machte ich eine Faust wie die Fußballer nach einem Tor. Onkel Stefan war zwar nicht Papa, aber immerhin war er stark und konnte mit uns einen Weihnachtsbaum kaufen; und er war cool.

Mama strich wieder über ihren Bauch. Sie sah nachdenklich aus. „Strampelt sie?“, fragte ich und legte die Hand auf Mamas Bauch. Bevor Birte geboren wurde, hatte sie auch immer ganz kräftig gestrampelt. Wie das mit Noah gewesen war, daran konnte ich mich nicht erinnern, denn damals war ich noch zu klein.

Mamas Bauch war ganz fest und überhaupt nicht weich. Rasch zog ich die Hand wieder weg. „Was ist das?“

„Das Baby will bald heraus!“ Mama lächelte.

Bis mittags halfen Noah und ich, das Wohnzimmer und die Küche aufzuräumen. Noah saugte und ich wischte in der Küche und dem Flur den Boden. Dann deckten wir den Tisch.

„Mama, der Apfelsaft ist leer!“ Ich holte mir einen Stuhl, um aus dem Vorratsschrank eine neue Packung herauszuholen.

Mama stand mühsam auf und kam mir zu Hilfe. „Lass, Hannes“, sagte sie, „da kommst Du nicht ran.“ Sie schob den Stuhl beiseite und stellte sich auf die Zehenspitzen.

„Hier, bitte schön!“ Dann verzog sie das Gesicht, hielt sich den Bauch und stöhnte leise.

„Was ist mit Dir, Mama?“

„Es ist nichts, Hannes. Aber ich leg mich besser wieder hin. Bringst Du mir bitte das Telefon?“

Ich hörte Mama mit der Hebamme telefonieren, während Birte, Noah und ich Butterbrote aßen. „Ja, alle 10 Minuten schon“, sagte Mama jetzt.

Noah und Birte saßen ganz leise auf der Küchenbank. Wir alle spürten, wie angespannt Mama war.

„Nachher kommt Theresia noch einmal“, rief Mama uns zu, als sie das Telefonat beendet hatte. „Wahrscheinlich bekommen wir ein Christkind.“

Noch während wir aßen, klingelte es an der Tür und ich rannte, um sie zu öffnen und Theresia hereinzulassen. Doch die Schritte, die im Treppenhaus auf den alten Holzstufen zu hören waren, klangen ganz anders als sonst.

„Hallo? Jemand da?“, tönte es plötzlich.

„Onkel Stefan!“ Wie der Wind waren auch meine Geschwister aufgesprungen und rannten in den Flur. Da stand Onkel Stefan mit einer Reisetasche über der Schulter.

„Ihr seid aber groß geworden!“ Er lachte uns an.

„Warum hast Du einen Bart?“, fragte Birte und versteckte sich ein bisschen schüchtern hinter mir.

„Weil es mir gefällt!“ Onkel Stefan rieb sich über den Bart. „Und weil es vielleicht ein bisschen nach Weihnachtsmann aussieht.“

„Aber der hat doch einen weißen Bart!“ Noah und Birte kicherten. „Hast Du uns auch was mitgebracht?“ Die hatten Sorgen! Viel wichtiger war doch etwas ganz anderes.

„Gehst Du mit uns einen Weihnachtsbaum kaufen, Stefan? Wir haben immer noch keinen!“ Ich sah ihn bittend an.

In diesem Moment stöhnte Mama im Wohnzimmer auf. „Stefan, kommst Du mal bitte“, rief sie angestrengt.

„Kommt euer Schwesterchen etwa schon?“ Onkel Stefan eilte ins Wohnzimmer.

Wenig später saßen wir alle in Mamas Auto. Mama auf dem Beifahrersitz und wir drei Kinder hinten. Zum Glück durfte ich schon ohne Kindersitz fahren, sonst hätten wir gar nicht alle ins Auto gepasst. Stefan passte auch fast nicht ins Auto. Er war noch größer als Papa und stieß mit dem Kopf ans Dach. Er musste den Sitz so weit nach hinten schieben, dass dieser fast meine Knie berührte. Birte kicherte. „Du bist zu groß!“

Onkel Stefan gab mächtig Gas und in jedem anderen Fall hätte ich es total cool gefunden, so schnell durch die Stadt zu fahren. Jetzt fielen mir nur die ganzen Christbaum-Verkäufer auf, die schon fast keine Bäume mehr hatten. Und wir? Wir fuhren ins Krankenhaus, weil meine kleine Schwester unbedingt ein Christkind werden wollte.

Es war mitten in der Nacht als Stefan mit uns nach Hause kam. Wir hatten keinen Weihnachtsbaum, dafür ein kleines rotes, runzliges Schwesterchen. Sie hieß Emma und sie war tatsächlich ein Christkind geworden. Wir hatten sie und Mama noch kurz besuchen dürfen, nachdem wir stundenlang mit Stefan im Krankenhaus gewartet hatten.

Stefan trug Birte ins Bett. Dann sagte er uns Jungs Gute Nacht.. „Und morgen kümmern wir uns um den Weihnachtsbaum. Versprochen!“ Mama war mit unserem Christkind im Krankenhaus geblieben.

Am nächsten Tag schliefen wir alle richtig lange, weil wir erst so spät ins Bett gekommen waren. Stefan war in der Küche zugange, als ich zum Frühstück kam, und sagte mir. „Gleich hole ich eure Mama aus dem Krankenhaus. Sie darf heute schon nach Hause.“

„Und der Weihnachtsbaum?“, fragte ich. Inzwischen hatte ich die Hoffnung schon fast aufgegeben. „Den bring ich auch mit“, versprach Stefan.

Doch als er Stunden später mit Mama zur Tür herein kam, trug er nur die Babyschale.

„Es gab keine Bäume mehr. Alle Stände hatten schon geschlossen.“

Birte fing an zu weinen. Noah fiel beinahe zeitgleich mit ein und auch das Baby schien enttäuscht über sein erstes Weihnachtsfest zu sein; so ganz ohne Christbaum.

Ich ging in mein Zimmer und schlug die Tür zu. Alles nur wegen Papas blöder Arbeit und diesem kleinen Schreihals da unten!

Später klopfte es und Onkel Stefan kam herein. „Hilfst Du uns, den Christbaum zu schmücken?“

Ich sprang auf. „Hast Du doch noch einen gekauft?“

„Lass Dich überraschen.“ Onkel Stefan zwinkerte mir zu und ging in Richtung Wohnzimmer. Ich folgte ihm. Was ich sah, ließ mich wie angewurzelt stehen bleiben.

Im Wohnzimmer stand ein… Ding: Ein Gestell aus Stühlen, Mamas Trittleiter aus der Küche, einem Besenstiel und einigen Kleiderbügeln. Es sah tatsächlich ein bisschen aus wie ein Weihnachtsbaum: unten breit und oben ganz spitz.

„Das ist doch kein Weihnachtsbaum!“

„Kann aber einer werden“, lachte Onkel Stefan und stellte die Deko-Kisten auf den Esstisch, in denen Mama unsere Christbaumanhänger, Lichterketten und andere Dinge verstaute.

In den nächsten Stunden waren Birte, Noah, Onkel Stefan und ich damit beschäftigt, unseren Christbaum zu schmücken. Der große Strohstern, der sonst an der Spitze des Tannenbaums steckte, kam ganz oben auf den Besenstiel. Die Lichterketten schwang Stefan so geschickt um Stühle, Leiter und Kleiderbügel, dass es aussah als wendeten sie sich um die Zweige einer ausladenden Tanne. Dann kam die Deko: Mamas Glaskugeln ließen sich nicht befestigen, genauso wenig wie Holzanhänger und Strohsterne. Wir mussten uns also etwas anderes einfallen lassen.

Und so rannten wir drei durch die ganze Wohnung auf der Suche nach brauchbarem Christbaumschmuck: Birte fädelte ihre Bügel- und Holzperlen auf Paketschnur zu einer langen Girlande. Noah stellte fest, dass sich seine Spielmännchen mit den Händen prima an den Kleiderbügeln festhalten konnten und ich kam auf die Idee, dass man Kugeln und Anhänger auch mit bunten Wäscheklammern befestigen konnte. Bunte Socken, Mamas Schals, Geschenkband und Alufolie vervollständigten unser Kunstwerk.

Mama staunte nicht schlecht, als sie viel später das Wohnzimmer betrat. Inzwischen war es dunkel geworden. „Da ist euch aber etwas gelungen!“, lobte sie uns.

An diesem Heiligabend gingen wir nicht zum Krippenspiel. Wir hatten ja unser eigenes Christkind bei uns zu Hause. Es schlief die meiste Zeit, während wir Kartoffelsalat und Würstchen aßen und Geschenke auspackten. Die hatte Onkel Stefan im Keller gefunden, als er ging, um eine Flasche Wein herauf zu holen. Birte glaubte noch immer an das Christkind, aber Noah trat mich unter dem Tisch und zwinkerte mir zu. Es war wieder einmal ein Heiligabend ohne Papa, aber das waren wir ja schon gewohnt.

Am nächsten Tag kam Papa zurück. Er konnte es kaum erwarten, die kleine Emma zu sehen, und wollte sie gar nicht mehr aus dem Arm geben. Unseren selbstgebauten Christbaum fand er spitze. Und die kleinen blinkenden Matroschka-Anhänger, die er mitgebracht hatte, fanden auch noch Platz am Baum. Papa hatte bis Neujahr frei und wir fuhren mit ihm und Onkel Stefan ganz oft in den Taunus zum Schlittenfahren.

Das Beste an diesem Weihnachten aber war unser Christbaum, der so ganz anders war als alle unsere bisherigen Christbäume.

Wir haben seitdem nie wieder einen echten Baum zu Weihnachten gehabt, aber unsere Kreativität kannte keine Grenzen. Und auch mit meinen Kindern setze ich diese Tradition fort: wir bauen uns unseren Weihnachtsbaum selbst.

 

© Azul Celeste

Kategorien: Schreibnacht

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