Camp NaNo – ein persönlicher Rückblick

Veröffentlicht von Lina Vindur am

Von einem April mit 29 Tagen und jeder Menge Rechenfehlern.

National Novel Writing Month, der alljährliche Schreibmarathon im November, fast jedem (angehenden) Autor ist das Event ein Begriff. Das Camp als kleine Schwester (oder kleiner Bruder) hat allerdings einen entscheidenen Vorteil, denn hier ist das Ziel frei wählbar und nicht auf 50.000 Wörter festgelegt. Und genau das wollte ich mir diesen April zu nutze machen.

Nachdem ich bereits zweimal am großen November-Event teilgenommen hatte und weit hinter dem Ziel zurückgeblieben bin, wollte ich es dieses mal anders angehen. Bei den immer wieder in der Schreibnacht-Community stattfindenden Schreibabenteuern war mir aufgefallen, dass Wortziele für mich nicht gut funktionierten. Die Vorgabe also 50k Wörter zu erreichen, brachte bei mir zahlreiche neue Fragen und jede Menge Druck auf. Es folgte jedes Mal eine jener berühmten Sackgassen, in die wohl jede*r Neu-Autor*in irgendwann gerät, wenn der eigene Weg noch nicht gefunden ist.

Im Camp sollte es anders werden, hier hatte ich die Möglichkeit, neben Wörtern auch Seiten, Absätze, Stunden oder Minuten als ein mögliches Ziel auszuwählen. In Wordwars hatte ich festgestellt, dass das Schreiben für eine feste Zeitspanne gut funktionierte und produktiver war, als das Warten auf Wörter bis zur Zahl X. Also würde ich diesmal auf Zeit arbeiten.

Ich nahm mir ein Projekt vor, welches zur Hälfte schon geschrieben war. Mein Ziel war es, den Plot zu strukturieren, um zu sehen, was fehlt (denn ich war in einer der besagten Sackgassen gelandet). Bereits Vorhandenes wollte ich bearbeiten und bestenfalls ergänzen, der kreative Funke sollte wieder überspringen. Wohlgemerkt, Wörter generieren war nicht das Ziel.

Da ich meine Schreibzeit mit dem Familienalltag takten muss, und im April bei uns mehrfache Geburtstage, Feiertage und Schulferien anstehen, wollte ich mein Ziel so klein wie möglich halten. Meine Motivation war in letzter Zeit ohnehin auf einem Rekordtief und ich wollte das Erfolgserlebnis, ich wollte gewinnen, egal wie klein die Schritte waren. Mein Ziel sollten also 900 Minuten sein. Das entspricht 15 Stunden, also 30 Minuten am Tag. Das klang nach so lächerlich wenig, dass ich mir nicht vorstellen konnte, dass etwas dazwischen kommt. Also notierte ich mir alles in mein Bullet Journal und wartete motiviert auf den April.

Und da man im Leben nie auslernt, habe ich auch hier etwas Wertvolles gelernt: Auch viele winzige Einheiten können sich zu einem riesigem Berg auftürmen, wenn man sie nur lange genug ignoriert.

Am zweiten Tag im April, schaffte ich tatsächlich eine ganze Stunde intensive Manuskriptarbeit. Mein Grundsatz war, dass ich die Zeit nur zählte, wenn ich wirklich konzentriert dabei war, denn im Alltag wurde es sonst oft ein zwischen Tür und Angel arbeiten. Für einen Menschen, der gern im Chaos lebt und dessen Gehirn die Geschwindigkeit von Microtasking liebt, ist es ein Kraftakt, sich völlig auf eine Sache einzulassen.

So holte ich also am zweiten Tag meine vermisste halbe Stunde vom ersten auf und fand mich damit ziemlich großartig.

Unser turbulenter Alltag, viele Plotbunnys und plötzlich interessantere Dinge ließen mich in den folgenden Wochen aber verdrängen, wozu ich mich selbst im April verpflichtet hatte. So blickte ich erst am 20. wieder in mein Manuskript. Herrliches Wetter und ein harmonischer Familienausflug hatten meine Motivation und Selbstzufriedenheit auf ein Maximum gepusht und ich verbrachte weitere zwei Stunden mit meinem Text.

Das waren also drei versäumte Tage die ich aufgeholt hatte. So rechnete sich mein Gehirn das zumindest schön, und damit hatte ich allen Grund, wieder die Füße hochzulegen. Dachte sich zumindest mein Vergangenheits-Ich.

Nachdem der Osterhase fort gehoppelt war, packte mich doch ein Anflug der Realität und damit mein schlechtes Gewissen. Am 25. startete ich durch und versuchte, alle fehlenden Stunden aufzuholen. Irgendwie hatte ich mich aber in meinem BuJo verschrieben und geriet mit meinen eigenen Notizen durcheinander, so dass ich bis kurz vor Schluss dachte ich müsste noch 20 Stunden aufholen (was mehr war als mein Ziel, also ziemlich unlogisch).

Ich taktete meine Tage, versuchte mich mit Hardcore-Planung, strich Binge-Watching von meiner Prioritätenliste und blockte jede freie Stunde in meinem Kalender. Durch meine fehlerhaften Notizen hatte mein April allerdings nur 29 Tage, somit blieben mir nur noch 5 zum arbeiten. Aber im Schnitt 4 Stunden pro Tag klang immer noch entspannt machbar.

So entspannt, dass ich nach dem Startschuß an eben jedem Tag die nächsten drei wieder ruhig anging. Ja, genau, kurz vor der Deadline legte ich die Füße hoch. Meine grandiosen Fähigkeiten im Kopfrechnen, waren außerordentlich gut darin, mir vorzumachen, ich hätte noch genügend Zeit.

Dank meiner Schreibpartner habe ich allerdings noch etwas gelernt: Wenn man solch eine Milchmädchenrechnung einmal laut anderen vorrechnet, dann merkt man sehr schnell was für einen Murks man gemacht hat. Im Übrigen gilt dasselbe für nicht entwirrbare Plotknoten, aber das ist eine andere Geschichte.

Am 29. war sie dann da, die Panik. Gepaart mit dem Frust über meine eigenen (anscheinend doch nicht vorhandenen) Rechenkünste und einer Portion innerem Bock, wollte ich das Ziel aber immer noch nicht aufgeben und wenigstens die Hälfte schaffen. Kurz vor Mitternacht war ich desillusioniert, von den vermeitlichen 20 Stunden, fehlten immer noch drei und das war ja nun wirklich nicht zu schaffen, das war sogar mir klar (wir erinnern uns, ich habe ein völlig falsches Ziel im Kopf gehabt). Ich versuchte meine Notizen im BuJo auf den Tracker auf der Camp Seite zu übertragen und stellte verblüfft fest, dass ich sogar über mein Ziel hinausgeschossen bin und der April doch 30 Tage hat. Ich habe dreimal nachgerechnet und habe wenig überraschend jedes Mal ein anderes Ergebnis erhalten (in Minuten zu rechnen ist aber auch umständlich). Aber, ich war einen Tag zu früh fertig und das zählte.

Das Gefühl, das Ziel erreicht zu haben, ist grandios. Ist mein Manuskript fertig? Mitnichten. Aber der Spaß daran ist wieder da, die Blockade aus Perfektionismus überwunden und der Beweis erbracht, dass auch kleine Schritte zum Ziel führen.

Das nächste Camp kommt bereits im Juli, und ich werde es wieder mit einem Ziel auf Zeit versuchen, statt in Wörtern. Diesmal mit ordentlicheren Notizen und hoffentlich ohne panische Rechenfehler. Und im November, beim großen Bruder, werde ich auf diese Art versuchen, das Wortziel zu erreichen.

Manchmal hilft eine andere Perspektive, ein neues oder kleineres Ziel, um wieder weiterzukommen. Tägliche Minuten statt Wörter, oder Wörter statt Zeit, ein neuer Schreibort, oder der eigene Schreibort neu eingerichtet, morgens statt abends arbeiten oder umgekehrt. Die Möglichkeiten sind größer, als man zunächst glaubt und so ein Event auf Zeit ist eine gute Gelegenheit zum Ausprobieren.

Wie ist es bei euch, habt ihr auch am Camp teilgenommen, oder wollt ihr zukünftig? Teilt gern eure Erfahrungen, Aha-Momente und Rechenfehler mit uns in den Kommentaren. 🙂


1 Kommentar

Was ist das Camp NaNo? – Schreibnacht-Magazin · 20. Juni 2019 um 18:17

[…] Event findet zweimal im Jahr statt; im April (hier könnt ihr euch meinen persönlichen Rückblick durchlesen) und einmal im Juli. Die Teilnahme ist, wie beim “großen” Marathon auch, komplett kostenlos. […]

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