Für immer ein Pantser?

Veröffentlicht von Julia D. Hillebrandt am

Vielleicht habt ihr ja schon einmal den Ausdruck Pantser gehört? Das bin ich. Ihr wisst schon, jemand, der sich vorm Schreiben relativ wenig Gedanken macht, sondern einfach drauflos schreibt.

Super kreativ, findet ihr? Mag sein.

Super effektiv? Nope!

Ich habe in meinem 36 Jahre währenden Leben erst eine einzige Rohfassung eines Romans fertiggestellt, obwohl ich bestimmt hunderte im Kopf hatte. Angefangen habe ich – lasst mich rechnen – vielleicht acht oder neun davon wirklich, und mit wirklich meine ich, dass ich daran mehr als eine Woche lang gearbeitet habe.

Die meisten meiner Geschichten sind im Larvenstadium schon wieder verreckt. Ich brachte den Anfang auf Papier, in die .txt-Datei, das Word- oder Open-Office-Dokument, ich kaufte mir sogar das Schreibprogramm Scrivener, um organisierter (und längerfristiger) herangehen zu können – doch schon nach etwa zwei Tagen pro Projekt habe ich nicht mehr daran gearbeitet. Die Hürde dafür wurde zu groß. Entweder, weil ich nicht mehr wusste, in welche Richtung sich die Geschichte entwickeln könnte, oder weil die Geschichte und ihre Akteure fanden, dass ich mit dieser Richtung absolut falsch lag.

Mein längstes nicht-beendetes Projekt war ein Roman, den ich mit 17 begann.
Ich schrieb drauflos.
Ich wusste, wo ich hinwollte, und war richtig motiviert! Und was soll ich sagen? Die Charaktere hatten sich zauberschön entwickelt, es gab Irrungen und Wirrungen, Liebe und Hass. Sie alle waren wunderbar lebendig und nun, kurz vor Schluss, würde es endlich an den Showdown gehen, in dem sie sich würden aufreiben müssen!

Würden sie?
Nein.
Sie stellten sich allesamt quer, weil diese Version ihrer selbst nicht mehr zu diesem Ende passen wollte.
Leider war dieses aber das einzig mögliche Ende, da nichts sonst zu dieser Geschichte passte.
Schade.

Meine Charaktere mitsamt dem wundervollen Manuskript wanderten in eine Schublade und wurden verdrängt. Alle zwei Jahre etwa tauchen sie mit schöner Regelmäßigkeit auf und winken und erinnern mich daran, dass sie darauf warten, dass ich das Ende umdenke und ihnen ihren Willen lasse.

Das Wunderbare am Pantsertum ist, dass du nie weißt, was um die nächste Ecke auf dich wartet!
Das Fatale ist, dass du nie weißt, ob deine Geschichte auch wirklich dorthin kommt, wo du sie hinhaben willst.

Das ist nicht schlimm, findet ihr?
Es wird sicherlich kein Weltuntergang sein, aber mal ernsthaft: Wie soll ich im NaNo 2020 einen Krimi schreiben können, ohne den vorher durchgeplant zu haben?
In meinen Augen leben gerade Kriminalromane von versteckten Andeutungen, von Hinweisen, von Geheimnissen und einem gut geplanten Plot. Rätseln geht eben nur, wenn Material da ist, und das muss gezielt genug da sein, um Anreiz zu bieten und gleichzeitig zu überraschen.
Sprich: Es erfordert Planung. Vermutlich sollte ich für dieses hehre Ziel nicht nur lernen, mit einem festen Plot zu arbeiten, sondern darüber hinaus schon meine Rohfassung in Kapitel einzuteilen.

Ihr merkt: Mein erklärtes Vorhaben ist es, das Plotten zu üben! Ich möchte eines Tages mehr in Richtung des Plantsers gehen, also zu einer Person zu werden, die Teile des Romans plottet und andere Teile entdeckend schreibt.

Das ging euch auch mal so? Oder ihr habt Tipps für mich?
Ich bin dankbar für eure Ideen und Anregungen! Schreibt sie in die Kommentare oder ins Forum!

Ausprobiert habe ich:
– Charakterbögen (umständlich, aber eine gute Grundlage)
– Einen Zeitstrahl von vornherein anzulegen (Das ging immer in die Hose. Während des Schreibens selbst funktioniert es aber.)
– Das Geschriebene von vorn herein in Kapitel einzuteilen und diese dann „runterzuschreiben“ (Grauenhaft. Das klappt für mich gar nicht, denn dieses enge Korsett hemmt mich.)
– Frei drauflos zu schreiben (Das geht gut, wenn es sich um kurze Texte zu festen Themen handelt, aber bei Romanen verzettele ich mich immer irgendwann.)
– Von Hand gezeichnete Mindmaps als Planungsgrundlage (Die sind irgendwann so kompliziert durch hunderttausende von Verästelungen und Schwerpunkten, dass nix mehr geht. Und die digitalen Versionen davon sprechen mich nicht an, da fehlt der kreative Funke, den ich dringend brauche.)


1 Kommentar

Anemalia · 24. Mai 2019 um 12:03

Liebe Julia,

oh, das kenne ich nur zu gut!
Ich bin ebenfalls ein waschechter Pantser wie er im Buche steht (z.B.: in Stephen Kings „On Writing“…sehr zu empfehlen!). Mir gefällt der Ausdruck Discovery Writer auch sehr gut. Ich schaue meinen Figuren quasi wie in einem Film zu und muss die Handlung dann „nur noch“ niederschreiben.
Das klappt – wie du ja auch nur zu gut weißt – bis zu einem gewissen Punkt ganz wunderbar und dann verzettelt man sich zum Ende hin, denn seine lieben Charaktere entwickeln eben ihren eigenen Kopf. Das kann hart sein. Wie eine Wand gegen die man anrennt. Aber (!) diese Wand hat eine verborgene Geheimtür, die man nur finden muss oder ein kleines Fenster, aus dem man doch noch schafft herauszuklettern. Was ich meine: Finde dein Fenster, deine Geheimtür. Das kann ein hilfreiches Gespräch mit einem Testleser sein, Ablenkung durch Lesen, eine gute Serie schauen oder vielleicht an einem anderen Text arbeiten. Manchen soll auch schon Sport geholfen haben, aber das halte ich für ein Gerücht 😉
Egal wie – es ist ein Weg durch diese Wand da – du musst den deinen nur finden! Das ist Arbeit. Manchmal genauso viel wie das Schreiben. Aber es ist lohnenswert…versprochen!

Zum Plotten: Ich habe es einmal probiert. Charakterbögen, Timeline, Kapiteleinteilung. Das ganze drum und dran. Und was soll ich sagen? Ich habe mich selbst gelangweilt beim Schreiben. Ich habe nicht auf meine Figuren gehört und für sie ihre Entscheidung bestimmt. Nicht ihren eigenen Weg gehen lassen, wenn sie an einer Kreuzung standen. Kurz vor Ende haben sie für mich einfach aufgehört zu „existieren“. Ich habe das Buch nie beendet.

Weiterhin gutes Tippen!
LG Anemalia

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