#Litcamp19 in Heidelberg. Ein Erfahrungsbericht

Veröffentlicht von Julia D. Hillebrandt am

Ein Wochenende, 200 Autor*innen, X Sessions und jede Menge Spaß! Doch halt:

Was ist so ein Litcamp eigentlich?

Das Litcamp richtet sich hauptsächlich an Schreibende – beispielsweise Autor*innen und Blogger*innen. Als eine Unterkategorie des sogenannten Barcamps hat jede*r Teilnehmende die Möglichkeit, eine 45minütige Session mit einem eigenen Thema anzubieten. Sofern dieses beim Publikum Anklang findet, wird es in den sogenannten Sessionplan aufgenommen, der jeden Morgen für den Tag frisch erstellt wird.

Was ging da ab in Heidelberg?

Wie eingangs erwähnt, gab es jede Menge Sessions. 41 davon fanden am Samstag und 28 am Sonntag statt. Da jede*r nach Gutdünken dorthin gehen konnte, wo er oder sie wollte, gebe ich hier nur einen kurzen Überblick der inhaltlichen Schwerpunkte der Sessions. Anwesende Sponsoren richteten ebenfalls Sessions aus. So gab es beispielsweise Angebote zum Buchsatz, zum Selfpublishing allgemein und zum Umgang mit dem Schreiben an sich.
Einen auffällig großen Anteil hatten Beiträge zu den sogenannten own voices in der Literatur, also grob gesagt zum Themenschwerpunkt Diversität. Zwei Teilnehmer boten beispielsweise jeweils Fragerunden zu ihrem eigenen Erfahrungsschatz im Hinblick auf Depression bzw. Transsexualität an.

Mein persönliches Litcamp

Es war mein allererstes Litcamp überhaupt, und ich war von der Vorstellungsrunde völlig geflasht. 200 Menschen haben sich mit Name, Twitteralias und drei persönlichen Hashtags vorgestellt, dann kam die Sessionplanung mit einer langen Schlange an Menschen, die ihre Themen an den Mann bzw. die Frau bringen wollten.
Im ersten Moment war das eine ganz schöne Reizüberflutung, zumal es so viele spannende Themen gab! Von Podcast bis zu Archäologie war ja alles dabei!
Dennoch war für mich nach einem Blick auf die Planung ganz klar, dass ich mich neben dem luziden Träumen vor allem mit Diversität beschäftigen wollte.

Mein Camp startete aber zunächst mit Judith Vogt (die ja ein Special Guest der Schreibnacht war), ihrem Mann Christian und James Sullivan, die aus drei verschiedenen Gesichtspunkten auf mögliche Zukunftsvisionen und somit auch Themen der Science Fiction schauten. „Zurück in die Zukunft ist längst Vergangenheit“ hieß die Session, wo sich Gesellschaft, Naturwissenschaft und Gegenwart ihre jeweiligen Ansichten für die Zukunft um die Ohren hauten. Wir als Publikum nutzten die Gelegenheit, an Aussagen anzuknüpfen oder neue, provokante Fragen in die Runde zu werfen – von der Leistungsgesellschaft und dem Wert eines Menschen bis hin zu einer unterstützenden KI mit enormer Rechenleistung war alles dabei. Nach gefühltem Redebedarf wäre auch ein Thementag dieser Diskussionspartner möglich und für alle Teilnehmenden erhellend gewesen.
Funfact: Obgleich es um die Entwicklung der Gesellschaft mit einem fetten Schwerpunkt auf die Technisierung ging, nutzten alle drei Perspektivsprecher*innen analoge Notizen.

James Sullivan, Judith und Christian Vogt (von links)

Dem Klarträumen widmete sich Sue Highwind in einer Session. Bei dieser Art des Träumens erlebt der oder die Träumende den Traum ganz bewusst und kann steuern, was passiert. Neben hilfreichen Tipps zum Üben dieser zauberschönen Träumerei ging es auch darum, wie Autor*innen die Steuerung ihres Traums für ihre Werke nutzen können. Eine lebhafte Diskussion entstand, von rund 15 anwesenden Personen konnten sagenhafte zwölf auf irgendeine Art von Erfahrungen in diesem Bereich zurückgreifen.
Mich persönlich haben die unterschiedlichen Arten der Klarträume sehr fasziniert, da ich bis dato alles in einen Topf geworfen hatte. Auch Sues Anekdoten über die Beweggründe Einzelner, warum sie das luzide Träumen lernen wollen, haben die Session bereichert.
Zum Thema Klarträumen gibt es im Schreibnachtforum [Link] einen Thread mit weiterführenden Informationen (u.a., wie Sue zu erreichen ist).

Wie schon angekündigt, habe ich einen persönlichen Schwerpunkt auf Diversität und die own voices gelegt. Diese Autor*innen schreiben über Themen, von denen sie direkt selbst betroffen sind.
In meiner ersten Session dazu beschäftigte sich Viktoria Linnea mit Romanfiguren of Color. Die Lektorin arbeitet auch als sogenannte Sensitivity-Reader und beklagt, dass dieser Schritt zumeist nach dem Lektorat erfolgt, also dann, wenn eine Romanfassung steht.

„Die Literaturbranche ist weiß.“

Viktoria Linnea

Viktoria ist in ihrem Urteil sehr deutlich. Auch Schulbücher seien aus weißer, männlicher Sicht geschrieben, sodass die Geschichte Amerikas erst mit Columbus beginne.
Statt Haut- und Augenfarben zu beschreiben, schlägt Linnea vor, Mentalität und Kultur in den Fokus zu rücken.

Anschließend ging es bei Alex und Kay um Diversity & Own Voices im Buchmarkt. Auch hier ist das Resümee: „Diversität spiegelt sich in unserer Literatur nicht wider.“
In dieser Session war für mich besonders erhellend, dass unsichtbare Erkrankungen selten in Büchern Repräsentation finden. Queere Charaktere sollen häufig keinen eigenen Plot haben, sondern den des heterosexuellen Protagonisten unterstützen. Darauf werde ich in Zukunft beim Lesen vermehrt achten – und beim Schreiben erst recht!
Am meisten hallt aber ein Satz nach: „Behinderungen müssen in Büchern immer überwunden werden.“

Am Sonntag gab es eine weitere Session aus diesem Themenkomplex, in dem Viktoria und Alex gemeinsam Token-Tests vorstellten, mit denen Texte und Filme auf eine gute Repräsentation einzelner Gruppen hin untersucht werden können. Fehlt diese, ist die Figur ein Token, ein Platzhalter ohne Mehrwert.
Mein absoluter Favorit war der sexy-lamp-Test. Ersetze einen Frauennamen im Text durch „sexy Lampe“ und schau, ob der Text noch funktioniert. Traurig, dass das regelmäßig vorkommt…

Alex und Viktoria (von links)

Meine letzte Session am Samstag war Bad Boys, Rape Tropes, toxische Beziehungen, … Das (Dark) Romance Dilemma von Ivy Lang. Da hier hauptsächlich in der heterosexuellen Schiene gedacht wird, lässt sich in Bezug auf Diversität vor allem der Feminismus mitdenken. Eine Frau, die nein sagt, nur um kurz darauf Gefallen an dem zu finden, was gegen ihren ausdrücklichen Willen passiert, gibt kein gutes Rollenvorbild ab. Ivy Lang bevorzuge starke Frauen und Bad Boys als Antihelden mit genügend eigener Motivation, um nachvollziehbar zu bleiben und Identifikationspotenzial zu bieten.
Mein persönlicher Lieblingsmoment dieser Session war die Aussage: „Shrek ist ein guter Bad Boy.“

Sonntags gab es neben der bereits erwähnten Token-Session für mich nur zwei weitere: Hieroglyphen schreiben und Eigene Sprichwörter für eigene Welten.

Die Hieroglyphen wurden uns von einer Archäologin näher gebracht, die vom sogenannten horror vacui der Ägypter berichtete, der Angst vor der Leere. Daher wurden Flächen immer gänzlich ausgefüllt. Darüber hinaus hat mich fasziniert, dass es für die Ägypter zwei Ewigkeitsbegriffe gab: Die, aus der man kam und die, in die man ging. Von Ewigkeit zu Ewigkeit begleitete Wünsche für Pharaonen.

In der zweiten Session standen Redewendungen im Fokus, welche die eigens ausgedachte Welt bereichern sollen. So kann es kulturübergreifende und kulturspezifische Redewendungen geben. Ein maritim angelegtes Volk würde andere Bilder benutzen als Wüstenbewohner.
Ausgehend von Assoziationen erfanden wir unterschiedliche Bilder. Eins davon war: „Wo der Oktopus sich im Wasser spiegelt, man besser jede Tür verriegelt.“ Hatte unsere Gruppe beim Erstellen der Redewendung an Piraten oder einen Gott des Raubs gedacht, gingen die Assoziationen der anderen Teilnehmer bis hin zu schleichenden Krankheiten und Tod. Die Vielfalt der Möglichkeiten wurde mir dadurch deutlich ins Bewusstsein gerückt, und ich hätte nicht wenig Lust, eine neue Welt zu erfinden, um mich dann gezielt um Sprichwörter kümmern zu können.

Voll der Knaller!

Für mich war das Litcamp ein absolutes Highlight. Die Denkanstöße waren so vielfältig, ganz zu schweigen vom persönlichen Austausch am Rande oder außerhalb der Sessions.
Wer einen genaueren Eindruck haben möchte, möge bei Twitter den Hashtag #litcamp19 eingeben und sich inspirieren lassen.

Was haltet ihr von all dem? Habt ihr Lust, euch mit Diversität oder Bad Boys oder Redewendungen näher zu beschäftigen? Vielleicht sogar in einem Schreibnacht-Workshop?
Schreibt’s in die Kommentare!


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