Camp NaNoWriMo – Peptalk #3

Camp NaNoWriMo – Peptalk #3

Laut Plan solltest du heute rund 75 Prozent deines Schreibziels erreicht haben.

Du hast schon viel mehr geschrieben? Herzlichen Glückwunsch!
Du da drüben auch? Hut ab!

Ihr müsst eigentlich gar nicht mehr weiter lesen, denn ihr scheint so schon voller Motivation und Tatendrang zu stecken. Ich bin mir ziemlich sicher, dass ihr am Ende des Camps höchst zufrieden auf euer Geleistetes blicken werdet. Das freut mich!

Aber warte. Du da ganz hinten bist noch weit entfernt von den 75 Prozent? Mmhh …

Sei stolz auf das, was du bisher geleistet hast!


Soll ich dir was sagen? Versteck dich nicht! Schau selbstbewusst auf das, was du bisher erreicht hast. Vielleicht sind es 50 Prozent deines Ziels, vielleicht auch nur zehn. Möglicherweise kam dir aber auch das Leben dazwischen und du hast in den vergangenen 23 Tagen noch kein einziges Wort aufs (virtuelle) Papier gebracht. Na und?

Ich hasse blöde Sprüche, aber komm … der hier ist von John Lennon: „Leben ist das, was passiert, während du eifrig dabei bist, andere Pläne zu machen.“ Und hat er nicht Recht?

Wir alle, die wir beim Camp NaNoWriMo teilnehmen, haben Pläne geschmiedet und uns Ziele gesteckt. Dabei spielt es absolut keine Rolle, ob diese klein oder groß sind. Jeder hat sein Pensum nach seinen eigenen individuellen Möglichkeiten gewählt, vielleicht ganz euphorisch am Anfang des Monats sogar noch ein paar hundert oder tausend Wörter obenauf gepackt – und genauso soll es auch sein.

Wo ist die Luft geblieben?


Doch jetzt nach 23 Tagen Camp ist bei einigen einfach die Luft raus. In dem Maße, in dem die Motivation sinkt und die Energie nachlässt, wachsen Zweifel und Ärger.

Darüber, dass man neben Uni, Schule, Beruf, Familie, Freunden, Haushalt … einfach keine Zeit findet, zu schreiben. Darüber, dass der narrensichere Plot von Anfang Juli mittlerweile einem leckeren, aber trotzdem löchrigen Schweizer Käse gleicht. Darüber, dass die Geschichte so gähnend langweilig wirkt und die Charaktere zu den größten Nervensägen mutiert sind, die die Welt je gesehen hat.

Aber hast du das alles mal umgedreht?

Hast du jemals darüber nachgedacht, was du neben dem Schreiben alles leistest und auf die Reihe kriegst? Hast du dich mal gefragt, ob das riesige Plotloch vor deiner Nase nicht einfach bloß ein Stolperstein hin zu einem viel schöneren und besseren Weg ist? Und hast du eine Ahnung, wie spannend und großartig die Geschichten von anderen sind, einfach weil man sie von außen, ohne Wissen, dafür aber mit umso größerer Neugier betrachtet?

Die erste Fassung ist Mist!


Gut. Vielleicht ist diese erste Fassung deiner Geschichte wirklich Mist. Vielleicht ist sie langweilig. Und vielleicht strotzt sie vor Logikfehlern. Ja, mag sein.

Ich hab’ lange … nein. Ich hab’ sehr, sehr, sehr lange dafür gebraucht, um zu verstehen – und zu akzeptieren – dass das vollkommen in Ordnung ist. Die erste Fassung deiner Geschichte darf chaotisch, konfus, schrecklich formuliert, stilistisch katastrophal, voll von Wortwiederholungen und Stereotypen sein. Es ist und bleibt eine erste Fassung.

Leider schafft es auch der geübteste Zehn-Finger-Schreiber nicht, die Worte so schnell zu Papier zu bringen, wie sie im Kopf auftauchen. Sich dann parallel noch um die perfekte Formulierung zu sorgen, bringt jeden zwangsläufig ins Stocken.

Deshalb: Lass dich nicht verunsichern. Schreibe deine Geschichte mit all dem, was am Ende vielleicht nicht mehr dazu gehört. Lass deine Charaktere in jeder Szene mindestens fünf Mal grinsen. Wenn du an einer Stelle nicht weiter kommst, drücke deinem Charakter das erste in die Hand, das du siehst und schau, was er damit macht. Schreibe Szenen aus einer anderen Perspektive. Stell dir meinetwegen deine Protagonisten nackt vor – das soll auf der (Theater-)Bühne ja helfen. Aber um Himmels Willen schreib!

Denn egal, was du da fabrizierst … Mit Abstand betrachtet, sind ganz häufig selbst die vermeintlich fürchterlichsten Szenen gar nicht mehr so schlecht. Vielmehr wirst du überrascht sein, welch faszinierende Dinge dir eingefallen sind und wie du alles miteinander verknüpft hast.

Und was ist mit der Zeit?


Was aber nun, wenn du deine Geschichte eigentlich super genial toll findest, aber sich einfach keine Zeit zum Schreiben ergibt?

Ende 2019 wollte ich unbedingt an einer Ausschreibung für eine Kurzgeschichte teilnehmen. Nur hatte ich sie leider viel zu spät gesehen und deshalb blieben mir gerade mal drei Tage, um mir den Plot zu überlegen und die Geschichte zu schreiben. An sich ist das machbar, doch ausgerechnet in diesen Zeitraum fiel der zweite Geburtstag unseres Sohnes inklusive mehrtägigem Familienbesuch. Schnell wandelte sich das Vorhaben von „durchaus machbar“ zu „eigentlich unmöglich“.

Doch am Ende habe ich die Geschichte tatsächlich geschrieben – und beendet.

Ich hatte dafür weder einen Zeitumkehrer, noch geheime Zauberformeln oder sich selbst beschreibendes Wunderpapier. Nein, ich hab’ einfach jede freie Minute genutzt, um zu schreiben – und das vor allem an solch kuriosen Orten wie der Toilette. In meinem Kopf habe ich Sätze formuliert, die ich kurz darauf schnell ins Handy getippt habe, um sie nicht zu vergessen. Und nach und nach fügte sich alles zusammen.

Es klingt jetzt ein bisschen gemein, denn drei Tage durchpowern ist natürlich leichter als einen ganzen Monat am Limit zu leben. Ich will dir damit nur zeigen, dass es immer irgendwie ein kleines bisschen Zeit gibt, um die nächsten beiden Sätze zu schreiben. Sei es eben auf der Toilette, beim Warten auf die Kaffeemaschine, in der U-Bahn oder bei was auch immer du den ganzen Tag so treibst.

Du bist ein Sieger!


Und ja, vielleicht wirst du dein Camp-Ziel nicht erreichen, doch unabhängig davon, kannst du trotzdem stolz auf dich sein. Denn allen Widrigkeiten zum Trotz, hast du durchgehalten. Du hast dich jeden Tag aufs Neue aufgerafft und weitergemacht. Du bist mühsam voran gekommen, aber dafür stetig.

Und bist du am Ende nicht genauso Sieger des Camp NaNoWriMo wie die anderen, die ihr Wortziel erreicht haben? Schon deshalb, weil du über dich hinausgewachsen bist?

Aber was wir bei all dem ganz vergessen haben: Du hast ja noch acht ganze Tage, um zu schreiben!

Vielleicht wirst du dein Wortziel erreichen, vielleicht auch nicht. In jedem Fall aber hast du Großartiges geleistet. Und jetzt noch mal die letzten Energiereserven aktiviert und los geht’s!

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