Erzählperspektiven 101

Erzählperspektiven 101

In diesem Blogbeitrag werde ich euch heute erklären, was es mit Erzählperspektiven, Point of Views (POV) und den erzählenden Personen („narrators„) generell auf sich hat. Denn Erzähler:in ist nicht gleich Erzähler:in, und manchmal kann ein bisschen Hilfe bei der Differenzierung nicht schaden. Ich beziehe mich in diesem Artikel einmal auf die deutschen Begrifflichkeiten, erweitere sie anschließend um die englischen Begrifflichkeiten und führe abschließend alles zusammen.

Was ist eine „Erzählperspektive“?

Geschichten werden erzählt – und die Art und Weise, wie sie erzählt werden, lässt sich kategorial unterscheiden. Im Grunde gibt es im Deutschen vier Erzählperspektiven,

  • Ich-Erzähler:in
  • Personale:r Erzähler:in
  • Auktoriale:r Erzähler:in
  • Neutrale:r Erzähler:in

Diese vier deutschen Erzählperspektiven unterscheiden, wie nah Leser:innen an die Figuren herankommen. Die Nähe entscheidet und hilft Autor:innen auch dabei, den Schwerpunkt ihrer Geschichte herauszufinden und dann herauszuarbeiten. Aber zunächst einmal unterscheide ich die Erzählformen für euch.

Ich-Erzähler:in

Die Ich-Erzähler:innen berichten aus ihrem Leben – entweder im Präsens („Ich frühstücke.“) oder im Präteritum („Ich frühstückte.“). Als Leser:in kann man nicht näher an der erzählenden Figur sein – man erlebt mit dieser Figur ihr Abenteuer, sie wird real und man fiebert mit ihr. Als Autor:in wird man somit auf die Figur, ihre Erfahrungen und ihr Wissen begrenzt. Das „Ich“ der Figur weiß nicht, was andere Figuren fühlen, denken, sehen – es kann nur Vermutungen aufstellen, interpretieren – und sich irren. Als Leser:in erfährt man Vorkommnisse erst, wenn das „Ich“ diese Dinge auch erfährt – oder sie werden absichtlich vor den Leser:innen verborgen, also nur angedeutet. Beides ist möglich. Früher fanden sich Ich-Erzähler:innen eher im Bereich der Autobiographie, heute sind sie aus der fiktionalen Erzählung nicht mehr wegzudenken. Bücher, die Ich-Erzähler:innen als Protagonist:innen haben, sind beispielsweise: Die Biss-Reihe („Twilight“) von Stephenie Meyer, die Edelstein-Trilogie von Kerstin Gier, die Bartimäus-Reihe von Jonathan Stroud sowie Falling Fast und Flying High von Bianca Iosivoni. Manche Bücher wie die über den Dschinn Bartimäus wären ohne Ich-Erzähler:in nicht so unterhaltsam, andere wollen lieber näher an die Protagonist:innen heran (wie Twilight) und bei Liebesromanen nimmt die Zahl an Ich-Erzähler:innen rapide zu.

Personale:r Erzähler:in

Dann gibt es Geschichten, die sind über Figuren geschrieben – es fallen so Sätze wie „Er frühstückt“ (Präsens) oder „Sie frühstückte“ (Präteritum). Das ist nicht besonders nah, aber bei den personalen Erzähler:innen geht es auch wieder um Nähe. Auch hier wird das Wissen der Figuren meist beschränkt, d.h. als Leser:in erfährt man erst neue Informationen, wenn die Figur sie erfährt. Im Englischen heißt diese Art von Erzählstil entsprechend limited third-person, also „beschränkte dritte Person“. Das berühmteste Beispiel ist wohl die Harry Potter-Reihe von J. K. Rowling. Als Leser:innen erfahren wir erst, dass es die Winkelgasse, eine Zaubererbank und ein Zaubereiministerium gibt, als Harry es erfährt. Viele Romane wählen diese Perspektive, schafft sie doch zumindest ein wenig Distanz zwischen Leser:in und Erzähler:in. Die personalen Erähler:innen finden sich in so ziemlich jedem Genre und sind generell weit verbreitet.

„Ich-Perspektive“ und „Personale:r Erzähler:in“ – Bin ich als Leser:in immer nur auf das Wissen der Figuren beschränkt?

Jetzt höre ich schon den ersten Widerspruch: „Aber ich als Leser:in weiß doch viel mehr als Harry! Schon im ersten Kapitel!“ Ja, das ist richtig. Wie auch bei der Ich-Perspektive bedienen sich Autor:innen gerne einer Reihe von Tricks. Auch hier ist Harry Potter ein grandioses Beispiel. Es gibt Kapitel aus der Sicht anderer Figuren (Kapitel 1 des „Stein der Weisen“: Vernon; Kapitel 1 des „Feuerkelchs“: Frank, usw.), es gibt die Möglichkeit des Gedankenlesens (z.B. Voldemort, in „Fantastic Beasts“ Queenie) und dann gibt’s da noch Erinnerungen – die eigenen, die im Falle von Harry im Zusammentreffen mit Dementoren aus dem Unterbewusstsein Informationen liefern, oder die Erinnerungen von anderen, die durch ein Denkarium (oder das Riddle-Tagebuch) betrachtet oder sogar als unbeteiligte:r Dritte:r erlebt werden können.

Als Autor:in hat man also die Möglichkeit, den Leser:innen weitere Informationen zu verschaffen. Was auch sehr beliebt ist: Mehrere Figuren, die (kapitel- oder szenenweise) begleitet werden. Diese Trennung erfolgt besonders gerne in Liebesromanen, wenn beide Seiten dargestellt werden sollen, oder aber bei Krimis, Thrillern und phantastischen Romanen, wenn beispielsweise Protagonist:in und Antagonist:in beide agieren und die Spannung in die Höhe treiben. Es gibt viele Möglichkeiten, den Leser:innen weitere Informationen zu beschaffen, und trotzdem Nähe zu den Figuren aufzubauen.

Auktoriale:r Erzähler:in

Was hat es denn nun mit den auktorialen Erzähler:innen auf sich? Sind nicht schon alle Erzählperspektiven vorgestellt? Nein, sind sie nicht. Die auktorialen Erzähler:innen befinden sich zwar auf dem Rückzug, aber es gibt sie noch. Es handelt sich hierbei um allwissende Erzähler:innen (im englischen: omniscient authors). So wie die Autor:innen wissen sie alles – was eine Figur denkt, was ihr Nachbar gerade macht, welche Pläne die Antagonist:innen gerade vorbereiten. Die auktorialen Erzähler:innen wissen alles – und lassen das auch gerne mal in die Handlung einfließen. So können sie beispielsweise schon während eine Figur handelt beurteilen, ob es sich dabei um eine gute oder schlechte Idee handelt. Sie können zweifeln, ob eine Handlung gegen das Aufgebot des Feindes ausreichen wird und sie können alles und jeden kommentieren. Bei den allwissenden Erzähler:innen kann es sich einerseits um eine allgemeine Perspektive handeln – so dass man als Leser:in denken könnte, die Autor:innen kommentieren selbst ihre Geschichte -, oder es gibt Figuren, die als allwissende Erzähler:innen fungieren. Ein berühmtes Beispiel für einen auktorialen Erzähler gibt es in dem Buch „Die Bücherdiebin“ von Markus Zusack: Die Geschichte handelt von Liesel, aber sie wird erzählt vom Tod. Als auktoriale Erzähler:innen können somit nicht nur Figuren, sondern auch Fabelwesen, Entitäten wie der Tod oder sogar Gegenstände fungieren.

Aber nicht nur das. Es ergeben sich auch einzigartige Kombinationsmöglichkeiten. Ein Beispiel für eine Mischung aus Autor und Figur als auktorialer Erzähler ist Lemony Snicket. Bei Lemony Snicket handelt es sich um ein Pseudonym des Autors Daniel Handler, der allerdings für Lemony Snicket eine eigene Biographie erfand, die er als allwissender Erzähler in seine Geschichten über die Baudelaire-Geschwister in „Eine Reihe betrüblicher Ereignisse“ einfließen lässt. Nicht Daniel Handler erzählt die Geschichte, sondern der „Autor“ Lemony Snicket. Hier wird also deutlich, dass auktoriale Erzähler:innen viele Möglichkeiten für Autori:innen bieten, eine Geschichte zu erzählen – gleichzeitig wird es aber an dieser Stelle auch kompliziert. Allwissende Erzähler:innen haben einen Vorteil und ein Nachteil: Sie wissen alles. Als Autor:in muss man also eine Balance finden, um bei den Leser:innen genügend Spannung aufzubauen. Dies kann gelingen, wie die Beispiele zeigen. Es ist nur schwierig.

Und was sind jetzt neutrale Erzähler:innen?

Neutrale Erzähler:innen haben keine Nähe zu den Figuren. Sie berichten nur, was sich als außenstehende Person wahrnehmen lässt, sind sozusagen Zeugen (eng. „witness„, oder auch: „observer narrator„). Stellt es euch so vor, als würdet ihr als Leser:in oder Autor:in durch die Welt spazieren (unsichtbar, versteht sich!) und fremde Gespräche belauschen, die Erlebnisse von anderen betrachten und sie aufschreiben. Ihr könntet euch als Autor:in entscheiden, einer Person über mehrere Stunden, Wochen, Monate zu folgen und alles aufschreiben, was sie sagt, oder ihr verbringt auch ein wenig Zeit bei den Nachbarn, den Eltern, dem Cousin vierten Grades … die Möglichkeiten sind auch hier wie bei den allwissenden Erzähler:innen unbegrenzt, wichtig ist nur, dass keine Nähe durch beispielsweise Gedanken oder Gefühle der Figur aufgebaut wird. Die neutralen Erzähler:innen wissen nicht, dass mein Blut hochkocht, mein Herz Kapriolen schlägt und ich Schmetterlinge im Bauch habe. Sie können vielleicht sehen, wie meine Wangen sich rosa färben, mein Atem schneller geht, ich beschämt zu Boden schaue, wenn mein Schwarm vorbeiläuft. Ich merke es mir so: es handelt sich dabei um die ultimative Auslegung des Schreibtipps: „Show, don’t tell.“ Es wird nur noch gezeigt, gar nichts mehr gedeutet. Das ist natürlich überspitzt formuliert, aber ich hoffe, dadurch wird dieser Erzähltypus deutlich. Bisher habe ich noch kein Buch gesehen, dass diese neutrale Erzählperspektive eingenommen hat – also wenn ihr Empfehlungen habt, immer her damit.

Und was sind Point of Views (POVs)?

Im Englischen wird häufig der Begriff „Point of View“ (POV) verwendet, aber in der deutschen Nutzung wird POV gelegentlich mit „Narrator“ zusammengezogen. „Point of View“ bezeichnet die Perspektive, „narrator“ die erzählende Figur. Die Verwechslung entsteht dadurch, dass „POV“ auch genutzt wird, um die Anzahl der Figuren aufzuführen, also die Anzahl der Erzähler:innen. Beispielsweise spricht man davon, man hätte „drei POVs“ in einer Geschichte, wenn man drei erzählende Figuren hat. Das macht die Sache ein wenig kompliziert. Kommen wir aber noch zu den unterschiedlichen Point of Views. Im Englischen wird unterschieden in:

  • First-person Point of View: Ich / Wir
  • Second-person Point of View: Du / Ihr
  • Third-person Point of View: Er / Sie

Hier wird deutlich: Da gibt’s Überschneidungen. Sehr gut. First-person und third-person sind relativ eindeutig – Es gibt die „Ich-Perspektive“, die wir locker um ein (vielleicht ungewohntes) „Wir“ ergänzen können, und es gibt die third-person, die im Deutschen in personale, auktoriale und neutrale Perspektive aufgespalten wird, um die Nähe noch deutlicher zu differenzieren. Die für uns ungewohnte Form ist second-person als Möglichkeit der Erzählperspektive. Ich habe tatsächlich nur wenige Bücher, die diesen Stil pflegen, und es sind alles non-fiktionale Ratgeber. Kennt ihr einen fiktiven Roman, der nicht als Ratgeber fungiert und der als second person Point of View erzählt ist? Ich bisher nicht.

Last but not least …

Ich habe jetzt schon ganz viel erklärt – ihr könnt das Wort „Erzähler:innen“ vermutlich bald nicht mehr lesen. Aber ich möchte noch einen Punkt deutlich machen, der bei all den Differenzierungen immer wieder zu kurz kommt. Im Englischen gibt es Point of Views (Ich/Wir, Du/Ihr, Er/Sie/They) und Narrators, im Deutschen erfolgt eine Vermischung dieser Differenzierungen aufgrund der Nähe zwischen Leser:innen und Autor:innen. Was darüber immer wieder vergessen wird: Erzähler:innen können nicht nur die Figuren den Leser:innen näherbringen, sie können auch lügen. Im Englischen bezeichnet man diese Erzähler:innen als „unreliable narrator„, also unzuverlässige:n Erzähler:in. Sie können Behauptungen aufstellen, die sich als falsch erweisen, und sie können interpretieren. Diese Interpretation wird immer konstruiert und kann immer dekonstruiert werden. Ich stelle es mir immer wie das Lego-Spielen mit Kindern vor. Erst bauen wir zusammen etwas auf und konstruieren es – ich interpretiere das Ergebnis als Turm, das Kind vielleicht als Haus. Indem wir in einen Dialog treten, werden wir uns der Unterschiedlichkeit unserer Interpretation bewusst. Und dann, wenn wir den Turm (oder auch: die Handlung) aufgebaut haben, können wir ihn wieder abbauen, also dekonstruieren. Ein wunderbares Beispiel dafür ist der Thriller „Gone Girl“ von Gillian Flynn.

Zusammenfassung

Es gibt

  • „Ich-Perspektive“ (First Person): Ich / Wir
  • „Du-Perspektive“ (Second Person): Du / Ihr
  • „Er/Sie-Perspektive“ (Third Person): Er / Sie / Es / They
  • personale:r Erzähler:in (limited third person): Die Geschichte handelt von einer Figur, deren Wissen (gemeinsam mit dem Wissen der Leser:innen) beschränkt wird; meist auf eine Figur beschränkt
  • Allwissende:r Erzähler:in (omniscient author): Die erzählende Figur (oder die schreibende Person) weiß alles über jede Figur überall und macht dies auch deutlich.
  • neutrale:r Erzähler:in (observer-narrator): Die Handlung wird nur beschrieben, nicht gedeutet; die Leser:innen stehen als unsichtbare, unbeteiligte Dritte neben der Handlung und wissen nur das, was ihnen präsentiert wird (oder auch: ultimatives Show, don’t tell)
  • unzuverlässige:r Erzähler:in (unreliable narrator): Als Leser:in kann ich diesen Erzähler:innen nicht trauen, sie können lügen oder Dinge missinterpretieren, um mich zu beeinflussen.

Ich hoffe, ich konnte euch mit dieser Zusammenfassung die unterschiedlichen Erzählperspektiven näherbringen. Wenn ihr euch mit den englischen Erzähltypen noch etwas auseinandersetzen möchtet, empfehle ich euch diesen Artikel: 6 Types of Narration von nownovel. Fehlt euch eine Information? Habt ihr einen Wunsch, was aus dem Autor:innenhandwerk ich euch demnächst näherbringen soll? Dann kommentiert gerne unter dem Artikel oder schreibt mir eine Nachricht im Forum.


Edit. Durch eine Freundin bin ich noch auf die Erzähltheorie von Genette hingewiesen worden, die in der Literaturwissenschaft mittlerweile allgemein akzeptiert wird. Viele der angesprochenen Themen finden sich dort noch besser aufgeschlüsselt. Vielen Dank für den Tipp!

2 Gedanken zu „Erzählperspektiven 101

  1. Vielen Dank für diesen Artikel! Ich glaube, ich habe im Forum schon gelobt, aber ich habe ihn gerade nochmal gelesen, weil ich folgendes spannend fand:
    Ich studiere Filmwissenschaft und da ist auch die ganze Zeit von Erzählperspektiven die Rede. Die Filmwissenschaft baut sich in vielerlei Hinsicht auf andere Kunstwissenschaften auf, und was eben den erzählerischen Aspekt angeht, entspringt sie Konzepten und Denker:innen der Literaturwissenschaft. (Ich weiß noch, wie viele hunderte Seiten davon ich für den Bachelor gewälzt habe xD)
    Das Wort „Erzählperspektive“ ist ebenfalls übernommen, aber hat „bei uns“ erstmal gar nichts mit dem schreiberischen Teil zu tun, sondern mit der Kamera. Denn das Drehbuch in seiner standardisierten Form hat Schwierigkeiten, literarische Erzählperspektiven auszudrücken, und darum geht es ihm auch erstmal nicht.
    Ich müsste mich jetzt länger damit beschäftigen, aber ich bin (zum zweiten Mal xD) von diesem Artikel inspiriert, da mal nachzuforschen, welche literarischen Erzählperspektiven sich wie mit der Kamera übersetzen lassen. Das „Du“ wird vermutlich schwierig, zu „Ich“ scheint eine POV-Kamera erstmal offensichtlich, aber wie ist es mit den verschiedenen anderen? Ist eine Kamera automatisch in dieser literarischen schwer fassbaren neutralen Erzählperspektive? Kann eine personale Perspektive nur durch Voice Over (was dann ja wieder sprachlich, also recht literarisch ist) eingebaut werden oder auch anders?
    Spannend, argh xD

    1. Ich finde es nach wie vor so cool, wie sehr dich dieser Artikel inspiriert! Ich finde es auch super, dass du die Inhalte auf die Filmanalyse überträgst. Eine Freundin hat mich heute noch auf die Unterschiede in der Literaturwissenschaft hingewiesen, das war auch sehr spannend. Ich hoffe, die Inspiration schlägt zu und du kannst mit den Artikeln noch viel anfangen!

      Liebe Grüße
      Francis

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