NaNoWriMo – Peptalk #2

Veröffentlicht von Francis Behrend am

Jedes Jahr wieder starte ich absolut begeistert und mit vollem Elan in den National Novel Writing Month (NaNoWriMo), schreibe am ersten Wochenende bis zu 10.000 Wörter und lege ein schönes Polster für schlechte Tage an – die unweigerlich unter der Woche kommen werden und mich mein Polster kosten. Bei mir weckt das zur Wochenmitte hin immer Frust – und wenn es euch auch so geht, dann ist dieser Beitrag vielleicht genau das Richtige.

Die Zeit rennt!

Heute, keine Woche im NaNo, und ich lese von den Kopf-an-Kopf-Rennen auf Twitter, den Erfolgsmeldungen im Forum, sehe die Wordwars mit den immer höheren Wordcounts – und frage mich, wieso ich schon den dritten Tag infolge kaum Wörter aufs Papier geschrieben bzw. in mein Textverarbeitungsprogramm getippt kriege. Ich bin nicht einmal in Woche zwei und die Luft ist raus – der Brotjob verlangt Aufmerksamkeit, die eine Aktion habe ich vernachlässigt, der Artikel ist noch nicht geschrieben und überhaupt, ich will ja auf dem Laufenden bleiben, was meine Kolleg_innen, andere Autor_innen und Blogger_innen, angeht. Das frisst alles Zeit – Zeit, die ich mir irgendwie besser einteilen kann, wenn nicht gerade NaNoWriMo ist. Und natürlich ist die nächste Katastrophe, die mich vom Schreiben abhält, bereits um die Ecke.

Etwas Motivation muss her…

Wie soll ich mich da überhaupt dazu aufraffen, mich nach einem anstrengenden Tag noch einmal an mein Manuskript zu setzen und zumindest den Versuch starten, die Wortzahlen zu erreichen, die ich mir vorgenommen habe? Ich bin gut in kleineren Einheiten, in wenigen Tagen mit möglichst viel Output, aber der NaNo ist ein Marathon. Da kommen diese schönen Sprüche, die meine Mutter immer verwendet, genau richtig, um sie in die Pfanne hauen zu wollen. „Mühsam ernährt sich das Eichhörnchen!“ Wäre ich ein Eichhörnchen und mein Manuskript die Nahrung, die ich für den Winter versteckt (oder geplottet) habe, die Chancen stünden schlecht, dass ich den Winter überlebe. Die letzten zwei Jahre wäre ich verhungert. Aber dieses Jahr, dieses Jahr gehe ich da ganz anders ran!

Realistische Erwartungen und Ziele

Ich bin mir bewusst, dass die Chancen, dass ich die 50.000 Wörter zusammenkriege, gering sind. Nicht, weil ich nicht dazu in der Lage bin (in den Camps schaffe ich es eher), sondern weil der November einfach ein sehr voller Monat ist. Weihnachtsvorbereitung, Geburtstage, viele Termine bei meinem Brotjob – und ich gehöre nicht zu den Personen, die sich für’s Schreiben freinehmen kann. Ich finde es super, wenn man das kann, ich gehöre nicht dazu. Da helfen Sprüche wie „Du musst das Schreiben eben priorisieren!“ gar nicht, denn meine Tage haben nur 24 Stunden und ein paar davon sollte ich auch noch schlafen.

Mir bleibt also nur die Wahl, mein Bestes zu geben, und realistisch zu sein. Den NaNo zu schaffen, wäre ein Traum – und aufgegeben habe ich ja noch nicht! Aber ich bin mir bewusst, dass es nichts über mich aussagt, wenn ich es nicht schaffe. Das heißt nicht, dass ich nicht gut genug vorbereitet bin oder dass ich ein schlechtes Zeitmanagement habe oder dass ich nicht das Zeug habe, eine Autorin zu sein – es heißt lediglich, dass ich jetzt gerade nicht vielleicht in der Lage bin, dieses von außen vorgegebene Ziel – 50.000 Wörter in 30 Tagen – zu schaffen. Denn seien wir ehrlich: Das sind verdammt viele Seiten, Wörter, Zeichen!

Ein paar Zahlen

1667 Wörter sollte man pro Tag schreiben, um den NaNo in einem gleichmäßigen Tempo zu schaffen. Es sieht aus wie eine machbare Zahl, an guten Tagen locker zu erreichen. Aber was ich mir immer wieder sagen muss: Das sind immer noch 1667 Wörter.

Ich schreibe, wenn es wirklich richtig gut läuft, 300 Wörter in 15 Minuten. Das sind 1200 Wörter pro Stunde, wenn alle Umstände passen – die Ideen fließen, meine Finger jagen über die Tastatur, ich muss nicht über Formulierungen nachdenken und meine Figuren sind nicht widerspenstig. Ich kann es also theoretisch in anderthalb Stunden am Tag schaffen, meinen Wordcount zu erreichen. Eure Zahlen mögen anders aussehen, ihr mögt in der Lage sein, mehr zu schreiben, aber das ist für mich an einem guten Tag realistisch.

An einem mittelprächtigen Tag schreibe ich etwa 200 Wörter in 15 Minuten. Da brauche ich dann schon zwei Stunden, ohne Pausen. Jetzt wissen wir alle: Selfcare ist wichtig, also nehme ich mal noch 5 Minuten-Pausen dazu. Damit bin ich bereits bei fast drei Stunden, die ich an diesen Tagen schreiben muss. An einem Nicht-Shitty-Tag. Ich will gar nicht wissen, wie viele Stunden ich an einem Tag brauche, wenn es mir nicht gut geht, ich keinerlei Konzentration habe und ich am liebsten einfach nur im Bett verschwinden möchte. Und diese Tage haben wir alle früher oder später einmal.

„Was willst du mir denn damit jetzt sagen?“

Lange Rede, kurzer Sinn: Schreiben ist harte Arbeit und der NaNo ist ein super Motivationstool. Aber mehr auch nicht. Es ist ein Ziel, das einen in einem Manuskript weiterbringen kann, aber es sagt nichts über mich als Autorin aus, wenn ich es nicht schaffe. Klar, es ist super, wenn ich es doch schaffe, und dann sollte das auch gebührend gefeiert werden. Es ist eine Leistung, auf die man stolz sein kann und sein sollte! Aber im Umkehrschluss bedeutet das nicht, dass man sich schlecht fühlen sollte, wenn man es nicht schafft oder wenn man zurückhängt und sich fragt, wie um Gottes Willen man all diese Wörter aufholen soll.

Es gibt immer Menschen, die weiter sind – die schneller tippen, mehr Zeit investieren können, die einfach mehr Erfahrung haben. Aber an diesen sollte ich mich nicht messen. Die einzige Person, die mich bewerten darf, bin ich selbst. Wichtig dafür sind realistische Erwartungen und Ziele. Wenn ich es in einem guten Monat nicht schaffe, 40.000 Wörter zu schreiben, werde ich in einem ausgerufenen NaNoWriMo vielleicht auch nicht die 50.000 Wörter schaffen, und das ist okay. Vielleicht schafft man im Verhältnis zum Vorjahr ein paar tausend Wörter mehr. Das ist auch schon eine beachtliche Leistung! Und die sollte auch gefeiert werden. Besinnt euch auf kleine Ziele, kleine Etappen – und nehmt den NaNo als Chance, nicht als Verpflichtung. Dann macht das Schreiben gleich viel mehr Spaß.

Ich setze mich jetzt wieder an mein Manuskript. Vielleicht knacke ich heute noch die 10.000 Wörter. Vielleicht auch nicht. Und das ist auch okay, denn das wichtigste ist, dass es mir gut geht. Es ist eine Zahl, weiter nichts.

Und weil ich euch heute mein Herz ausgeschüttet habe, möchte ich jetzt von euch wissen: Wie fühlt ihr euch jetzt gerade im NaNo? Achtet ihr auf euch? Mögt ihr mir von Teilerfolgen erzählen? Ich bin gespannt!


Francis Behrend

Francis Behrend ist eine Autorin und Leserin aus dem Bergischen Land. Seit ihre beste Freundin sie durch Fanfictions in die Welt der eigenen geschriebenen Worte eingeweiht hat, schreibt sie an eigenen Geschichten. Während ihres Geschichts- und Philosophiestudiums kam sie meist nicht dazu, in fantastische und romantische Plots einzutauchen, aber danach stürzte sie sich in ihre Manuskripte. Seit 2017 macht Francis als „Buchbummelant“ sowohl Twitter als auch die Schreibnacht unsicher, und seit 2019 schreibt und lektoriert sie regelmäßig für das Schreibnacht-Magazin.

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