Willst du mein Manuskript … testlesen?

Willst du mein Manuskript … testlesen?

Ist ein Manuskript nicht nur geschrieben, sondern auch überarbeitet, wird es Zeit, sich Feedback zu holen. Und wer ist dafür besser geeignet als Testleser_innen? Heute möchte ich euch ein paar Tipps für die Zusammenarbeit mit Testleser_innen geben.

Wofür Testleser_innen?

Zunächst einmal ist es wichtig, sich darüber klar zu werden, was man sich von der Zusammenarbeit mit Testleser_innen verspricht. Die offensichtliche Antwort ist natürlich „Feedback“. Aber was für eine Art von Feedback ist erwünscht? Möchte man wissen, ob die Geschichte anderen Menschen gefällt? Möchte man Hinweise für die weitere Überarbeitung erhalten? Wichtig ist, sich darüber klar zu werden, was man sich von dem Feedback verspricht. Ein einfaches „Es hat mir gefallen“ hilft jemandem, der weiß, dass dem eigenen Manuskript noch etwas fehlt, meist nicht weiter. Gleichzeitig ist es wichtig, die Testleser_innen nicht mit Aufgaben zu betrauen, die über ihren Möglichkeiten liegen. Sind die Testleser_innen zunächst einmal Leser_innen oder auch Autor_innen oder haben sie gar einen Beruf in der Verlagsbranche? Das gilt es bei den Erwartungen zu berücksichtigen.

Testleser_innen finden

Ist man sich darüber im Klaren, wofür man Testleser_innen haben möchte, gilt es, passende Testleser_innen zu finden. Das Forum bietet dafür die Ecke „Von Autoren für Autoren“, in der man neben Testleser_innen auch Lektor_innen, Coverdesigner_innen und Marketingexpert_innen finden kann. Aber auch sonst gibt es unzählige Möglichkeiten, an Menschen heranzutreten und ihnen das eigene Manuskript zum Testlesen anzubieten. Dabei hilft besonders Social Media. Auf Facebook gibt es verschiedene Gruppen für Testleser_innen, und wenn man auf Instagram oder Twitter aktiv ist, kann man über diese Plattformen ebenfalls Menschen finden, die das eigene Genre lesen und bereit sind, zu helfen. Wichtig dabei ist: Übertreibt es nicht. Fragt nicht jeden Tag nach, wenn sich nicht genügend Interessenten melden.

Die Suche nach Testleser_innen ist auch eine erste Prüfung für das Manuskript: Besteht Interesse an dem Thema? Bin ich als Autor_in in der Lage, mein Manuskript so spannend darzustellen – ergo: zu pitchen – , dass andere es lesen möchten? Wie gut kann ich mit den entsprechenden Plattformen umgehen? Viele Menschen sind bereit, anderen zu helfen – indem sie Reichweite und erstes Feedback geben. Wertschätzt das und bedankt euch!

„Und jetzt soll ich mein Manuskript wirklich an fremde Leute schicken?!“ – das Manuskript und die Sicherheit

Der Satz bringt es eigentlich schon auf den Punkt. In den letzten Jahren ist mir viel Unsicherheit begegnet und die Angst, die eigene Geschichte zu „verbrennen“, indem man sie an die falschen Menschen schickt. Wir wollen alle nicht, dass unsere Geschichte einfach ins Internet gestellt wird (wie es damals bei Stephenie Meyer und ihrem Manuskript zu „Midnight Sun“ geschah) oder dass sich jemand mit unseren Lorbeeren schmückt. Austausch birgt immer eine Gefahr – egal, wie groß oder klein die Kollaboration auch sein mag. Selbst der Austausch über eine Idee kann gefährlich sein. Aber wenn man sein Manuskript veröffentlichen möchte, braucht man ein wenig Vertrauen – und Vorsicht.

Wählt man keine Testleser_innen aus dem bestehenden Autor_innennetzwerk, gibt man sein Manuskript an Fremde ab. Wichtig dabei ist es, abzuklären, ob die Person zu dem Manuskript passen könnte. Liest sie das Genre deines Manuskripts? Wie viel Erfahrung hat die Person als Testleser_in? Wie schnell ist die Person in der Lage, das Manuskript zu lesen? Neben diesen grundlegenden Fragen können aber auch weitere Aspekte wichtig sein. Versteht ihr euch? Welchen Eindruck macht die Person? Scheint sie vertrauenswürdig zu sein? Das Testlesen eines Manuskripts ist Vertrauenssache – und beruht auf Absprachen.

Wenn du darüber hinaus dein Manuskript schützen möchtest, gibt es verschiedene Möglichkeiten, z.B. Wasserzeichen, Kopierschutz, Passwortschutz. Aber: Nicht übertreiben. Ist es zu kompliziert, dein Manuskript zu lesen und ggf. Anmerkungen zu machen, verlieren die Testleser_innen vielleicht das Interesse. Niemand möchte ein Studium absolvieren, um ein Manuskript aufzurufen. Eine einfache, kurze Empfehlung: Verschicke zunächst ein paar Kapitel und bitte die Testleser_in, diese zu lesen und dir ein Feedback für sie zu geben. So kannst du schauen, ob ihr zusammenpasst – und du sparst Zeit.

Und ich habe noch einen Tipp irgendwo gelesen: wenn du ganz, ganz sicher sein möchtest, dass du nachweisen kannst, dass du das Manuskript geschrieben hast und niemand anderes, schicke dir das Manuskript mit der Post und per Einschreiben an dich selbst und öffne es nicht. Bewahre alles gut auf – und sollte es zu Rechtsstreitigkeiten kommen, hast du einen vor Gericht gültigen Beweis, dass du zu diesem Zeitpunkt in Besitz des Manuskript warst – bevor du es an jemand anderen gegeben hast. Das ist etwas umständlich und auch teuer, aber vielleicht die Sicherheit, die du brauchst, um es in die Welt zu entlassen – oder zunächst einmal an Testleser_innen zu verschicken.

Geduld, während die Testleser_innen lesen

Während dein Manuskript in den Händen von Testleser_innen weilt, hast du vielleicht nichts zu tun. Wichtig ist, dass es im Vorfeld zeitliche Absprachen gibt. Bis wann soll das Manuskript (oder der Ausschnitt davon) gelesen werden? Klare Angaben sind da wichtiger als vage Zeitpunkte. Sag nicht „Du hast so vier Wochen Zeit“, schreib: „ich möchte das Feedback bis zum 30. Januar erhalten, alles danach kann ich nicht mehr berücksichtigen.“ Bitte außerdem darum, dass deine Testleser_innen dir Bescheid geben, sollten sie das Manuskript abbrechen oder wenn etwas dazwischen kommt, damit du planen kannst.

Und halte dich selbst an diese Deadlines! Frag nicht Tage vor der Deadline nach, wo das Feedback bleibt. Am Tag selbst oder danach kann man ruhig nachfragen, aber zeig, dass du verlässlich bist. Wenn du Zwischenupdates haben möchtest, kommuniziere das! Ein „Wenn dir etwas super gefällt, schreib mir ruhig. Generell kannst du mir immer zwischendurch schreiben, ich freue mich über direktes Feedback“ ist besser als ein „Wo bleibt das Manuskript?! Bist du schon bei der ersten Begegnung von Protagonist und Antagonist?!“ Sei entspannt und nimm es nicht persönlich, wenn deine Testleser_innen Zeit brauchen. Hunderte Seiten lesen sich nicht über Nacht.

Das Testleser_innen-Feedback einordnen

Das Feedback ist da – und du bist frustriert, weil da ein Dreizeiler steht?

„Liebe_r Autor_in, ich habe Ihr Manuskript gelesen und es hat mir sehr gut gefallen! Ich freue mich, wenn ich auch Ihr nächstes Manuskript testlesen darf! Herzlichst, dein_e Testleser_in“

Ernücherung. Ärger. Vielleicht sogar Wut. Denn diese Sätze sind kein bisschen hilfreich, wenn du das Testleser_innen Feedback für die Überarbeitung nutzen möchtest. Was hat gefallen? Was hat nicht gefallen? Was war besonders gut? Wie kamen Protagonist_in, Antagonist_in und Love Interest an? All das verrät dieses Feedback nicht. Wähle ein paar Aspekte aus, die dir besonders wichtig sind, und benenne diese klar, wenn du die Testleser_in beauftragst und das Manuskript versendest. Einzelne Fragen können helfen, ansonsten gibt es Feedbackbögen, die differenziert nach bestimmten Aspekten des Manuskripts fragen. Mein Bogen war eine erstklassige Deutscharbeit, habe ich mir sagen lassen. Aber diese Feedbackbögen helfen, dir selbst klar zu werden, was für Feedback du möchtest – und sie sind ein Leitfaden für die Testleser_innen. Und falls diese den Feedbackbogen nicht berücksichtigen? Dann war’s das wohl für weitere Zusammenarbeiten und du kannst den Dreizähler mit einer freundlichen Absage beantworten.

Den Testleser_innen danken

Freundlichkeit ist hier das Stichwort. Selbst wenn das Feedback ein absoluter Verriss ist und du deine Testleser_innen verteufeln und dein Manuskript am liebsten zerreißen möchtest, haben diese Menschen viel Zeit investiert, um deine Geschichte zu lesen – und das Mindeste ist ein „Dankeschön“. Bedanke dich bei deinen Testleser_innen und lasse sie vielleicht sogar wissen, was du als Nächstes planst. Schickst du es an einen Verlag? Planst du, dein Manuskript im Selfpublishing herauszugeben? Bestenfalls sind deine Testleser_innen nicht nur deine ersten Leser_innen, sondern auch Menschen, die helfen können, die Begeisterung für dein Manuskript in die Welt zu tragen. Manche Testlesungen sind der Beginn einer fruchtbaren Zusammenarbeit – und sollten entsprechend gewürdigt werden.

Das Manuskript überarbeiten

Wenn du dein Manuskript bestenfalls mit Anmerkungen zurückbekommen oder das Feedback erhalten hast, gilt es, das Testleser_innenfeedback zu lesen und einzuordnen. Manches Feedback ist positiv, anderes negativ – wichtig ist, sich damit auseinanderzusetzen und zu entscheiden, welche Anmerkungen und welches Feedback du annehmen möchtest und was nicht deiner Version der Geschichte entspricht. Es ist deine Geschichte und du musst nicht alles Feedback einarbeiten! Jeder Mensch hat andere Ansprüche und was der einen Person gefällt, ist vielleicht ein No-Go der anderen. Man kann nicht allen Leser_innen gefallen. Und das ist gut so. Konstruktives Feedback ist wichtig, aber vielleicht trotzdem nicht das Richtige für dein Manuskript. Vertraue dir.

Gleichzeitig gilt es, auch deinen Testleser_innen zu vertrauen. Wenn alle bestimmte Dinge anmerken, gibt es zwei Möglichkeiten: entweder sie haben alle keine Ahnung und du hast ein Meisterwerk geschrieben, verdammt nochmal, oder aber da steckt ein Körnchen Wahrheit in dem Feedback und du solltest überlegen, wie du das Feedback so einarbeiten kannst, dass es immer noch deine Geschichte bleibt. Überarbeitung ist ein Hindernislauf und manchmal ist eine Wand im Weg, die nicht übersprungen werden kann, sondern eingerissen werden muss. Aber auch das tollste Testleser_innenfeedback ist und bleibt nur ein erster Schritt. Die große Überarbeitung liegt da zumeist noch vor dir: das Lektorat. Denn das Feedback von Writing Buddys, Testleser_innen und Mama und Papa ersetzt keineswegs ein professionelles Lektorat.

Testleser_innen und das veröffentlichte Buch

Ist dein Manuskript auf dem Weg in die große, weite Welt, gilt es, die Arbeit mit deinen Testleser_innen zu würdigen. Du hast eine enorme Aufgabe bewältigt und deine Testleser_innen haben dich einen kleinen Teil des Weges begleitet. Natürlich hast du dich schon bedankt, aber vielleicht möchtest du ihnen in der Danksagung ihren Platz für die Ewigkeit einräumen? Jeder Mensch freut sich, wenn seine Arbeit geschätzt wird, und Testleser_innen stellen da keine Ausnahme da. Natürlich ist es dir freigestellt, ob und welchen und wie vielen Testleser_innen du namentlich dankst. Es ist kein Muss.

Erscheint dir die Danksagung zu viel, kannst du deinen Testleser_innen trotzdem Bescheid geben, dass dein Buch veröffentlicht ist. Bestenfalls lesen sie es erneut, schreiben gar eine Rezension oder stürzen sich als Fans deiner Welt auf andere Buchbegeisterte und empfehlen dein Buch weiter. Vielleicht bist du gar so dankbar und lässt ihnen ein fertiges Exemplar zukommen. Aber auch hier: Es ist kein Muss. Deine Versprechen solltest du halten, aber alles, was danach läuft, ist Bonus. Deine Testleser_innen sind nicht verpflichtet, dein Buch anzufeuern, und du bist nicht verpflichtet, ihnen auf ewig dankbar zu sein. Es ist eine Zusammenarbeit auf Zeit.

Und nun?

All diese Tipps und Tricks sind natürlich nur eine Sammlung, die weder Anspruch auf Vollständigkeit erhebt noch das geheime Rezept der erfolgreichen Zusammenarbeit mit Testleser_innen enthält. Jede Zusammenarbeit ist anders, weil jeder Mensch anders ist. Wertschätzung und Freundlichkeit sind Werte, die bei Interaktionen immer angebracht sind, aber niemand sollte sich verbiegen. Ist ein Feedbackbogen nichts für dich, lass ihn weg. Hat eine Testleserin den Feedbackbogen nicht ausgefüllt, aber dafür tausende konstruktive Anmerkungen in deinem Manuskript gemacht, ist das super. Wichtig ist, ein Vorgehen zu entwickeln, das für dich als Autor_in und für deine Testleser_innen funktioniert. Dann steht einer weiteren Zusammenarbeit auch nichts mehr im Weg.

Habt ihr weitere Tipps für den Umgang mit Testleser_innen? Welche Erfahrungen habt ihr als Autor_innen und Testleser_innen bisher gemacht? Ich bin gespannt auf eure Berichte!

7 Gedanken zu „Willst du mein Manuskript … testlesen?

  1. Ich stimme dir fast überall zu.
    Nur in dem Punkt: „Es hat mir gefallen“ stimme ich nicht ganz mit dir überein. Sicher willst du von einem Testleser so viel rausholen wie es nur geht – aber: ein klein wenig Lob? Das tut der Seele gut, egal ob es dir jetzt konkret weiterhilft. Das machen andere, denn häufig (sollten!) lesen ja mehrere gegen.
    Jedes Feedback ist gut!
    Selbst ein ungerechter Verriss ist Gold wert!
    Richtig schlimm ist nur keine Reaktion.

    1. Lieber Theo!

      Vielen Dank für deinen Kommentar. Natürlich hast du vollkommen recht, jeder Mensch möchte Lob hören und als Autorin möchte man das natürlich besonders – da kann ein „es hat mir gefallen“ natürlich schon Gold für die Autor_innenseele sein. Ich wollte mich auf das konstruktive Feedback konzentrieren und habe mich da zu wenig auf die positiven Aspekte konzentriert. Vielen Dank für die Ergänzung! Ich werde versuchen, es demnächst noch mehr zu betonen.

      Liebe Grüße,
      Francis

  2. Vielen Dank für diesen tollen Artikel.
    Ich finde es immer wieder schwer zuverlässige Testleser-Innen zu finden, mit denen ich kompatibel bin. Aber wie ich sehe, liegt es nicht nur an mir. Das beruhig mich etwas.

    1. Liebe Irina!

      Das geht mir auch so. Ich war bei meiner Runde total überrascht, wie viele Rückmeldungen ich dann doch pünktlich und konstruktiv bekommen habe. Ich hatte definitiv mehr Testleser_innen eingeplant, die das Manuskript abbrechen oder mir nicht hilfreiche Anmerkungen schicken. Ich hoffe, du findest zuverlässigere Testleser_innen!

      Liebe Grüße,
      Francis

  3. Tatsächlich arbeite ich mit zweien fest zusammen, auf die ich mich verlassen kann, alle weiteren Leser_innen sind optional und ich find es zwar schade, wenn nichts kommt, aber ich stress mich da auch nicht mehr.

  4. Uh, ich fühle mich ertappt. Ich habe mich auch schon zwei Mal als Testleserin für ganze Romane gemeldet. Einmal habe ich nur den Prolog gelesen, das zweite mal zumindest das erste Kapitel mit ausführlichem Feedback versehen, aber beide Male nicht fertig gelesen und mich geschämt und dann nicht mehr gemeldet. Sehr unangenehm für beide Seiten und meine Schuld -.-
    Bei Kurzgeschichten komme ich immer ganz durch und versuche, so viel und ehrlich, wie ich mich traue, anzumerken (ich bin sehr konfliktscheu und habe immer Angst, Leute zu verletzen). Erst vor kurzem habe ich empfohlen, eine komplette Figur in ihrem Grundkonzept zu ändern, weil mir einfach keine Idee kam, wie ich der Autorin helfen kann, mit dem aktuellen Konzept ihre Problemstellen auszubügeln, da kam ich mir schon sehr fies vor.
    Hoffentlich komme ich demnächst in die Situation, mal auf der anderen Seite zu sitzen. Ich bin gespannt, wie es ist, Testleser:innen zu haben. Vermutlich werde ich es mal wieder völlig übervorbereiten und einen kompletten Bogen mit 3.000 Fragen mitschicken xD

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