Die innere Landkarte

Veröffentlicht von Julia D. Hillebrandt am

In letzter Zeit hört man von dieser ominösen Sache immer wieder – aber was ist denn eine innere Landkarte überhaupt?

Dem Namen nach – ganz klar – ist es etwas im Inneren von einem jeden Menschen. Eine Landkarte bietet Orientierung, und wenn ihr euch mit kleinen Kindern beschäftigt, werdet ihr schnell feststellen, dass auch sie schon einen inneren Kompass haben, was gut und was schlecht für sie ist. Hat ihnen ein Ding wehgetan, entwickeln sie Ängste. Auf die innere Landkarte übertragen heißt das, dass im Moment des Schreckens vielleicht eine Untiefe verzeichnet worden ist.

Denken wir zurück an die Landkarten, die früher von Hand gezeichnet wurden, als die Welt noch nicht vermessen war, so gibt es zwei weitere Besonderheiten, die für unsere innere Version davon wichtig sind: Ist etwas von Hand gezeichnet, ist es individuell und spiegelt das Empfinden des Zeichnenden wider. Verzerrungen sind möglich, Berge werden möglicherweise viel größer dargestellt als sie beim Nachmessen wären.
Die zweite Besonderheit sind die weißen Flecken für unerforschte Gebiete. In der Psychologie sprechen wir von sogenannten blinden Flecken, wenn jemandem gewisse Dinge über sich selbst nicht bewusst sind, die andere durchaus sehen können.

Zusammenfassend hat jede und jeder von uns einen inneren Kompass, der beispielsweise richtig und falsch anzeigt und uns (häufig unbewusst) in bestimmte Richtungen lotsen möchte.
Und genau das ist ein Problem: Wenn du als Autor*in dieser Landkarte einfach gestattest, deinen Weg zu bestimmen, schreibst du über Themen, ohne sie selbst zu sehen. Vielleicht tun sich blinde Flecken auf, die andere sofort aus dem Text herauslesen, die du aber erst siehst, wenn jemand dich darauf aufmerksam macht. Im schlimmsten Fall schreibst du dich selbst in deine Geschichte, ohne es zu merken!

Und jetzt?

Hast du gemerkt, dass du immer wieder Themen einbaust, die einander ähneln, dann kannst du das hinnehmen und es als ein Markenzeichen akzeptieren – dann ist alles gut. Möchtest du aber tiefer in dich selbst und deine Themen eintauchen, schlage ich vor, dir bewusst Zeit dafür zu nehmen.

Gerade im Hinblick auf die Notwendigkeit von Sensitivity Readers kann es lohnend sein, sich mit seinen eigenen verinnerlichten Überzeugungen zu beschäftigen. Wenn du als Own Voice schreibst, also als jemand, der zu einer marginalisierten Gruppe gehört, kann es ebenso sinnvoll sein, deine Glaubenssätze zu überprüfen, wie als jemand, der nicht dazu gehört.

Man kann geteilter Meinung sein, worüber welche Personengruppen schreiben sollten. Unabhängig davon ist es aus meiner Sicht immer lohnend, sich mit (Vor-)Urteilen gleich welcher Art näher zu beschäftigen.
In einem Workshop der Schreibnacht haben wir uns mit der Darstellung von Altersstufen und zugleich mit eigenen Überzeugungen befasst.
Siehst du beispielsweise Kinder viel positiver als Erwachsene, sagt das etwas über dich aus. Was, das musst du selbst entscheiden.
Bist du dir aber dieser Tatsache bewusst, kannst du deine eigenen Texte daraufhin überprüfen und vielleicht reizt es dich sogar, das Gegenteil deiner eigentlichen Überzeugung auf Papier lebendig werden zu lassen.

Wie bei einer richtigen Landkarte ist es deine eigene Entscheidung, wann und wie du sie zu Rate ziehst. Ob im Zwiegespräch mit anderen, in der kreativen Phase deines Werkes oder einfach auf Entdeckungsreise deiner Selbst kann sie ein hilfreicher Partner sein – und nach und nach ihre weißen Flecke verlieren.


Julia D. Hillebrandt

Jahrgang 1983 - ENFP und somit "natural born brainstormer" - liebt es, mit Worten Resonanzräume zu eröffnen - arbeitet aktuell an einem Urban Fantasy Roman

1 Kommentar

Azul Celeste · 11. Februar 2020 um 16:37

Das ist ein interessantes Thema. Sicher prägen unsere Erfahrungen sehr unsere Sicht auf das Leben und damit unsere innere Landkarte.
Ich merke auch, dass es mir manchmal schwer fällt, mich bspw. in einen Charakter hinein zu versetzen, der sich in einer Weise verhält, die mir fremd ist.
Damit erkunde ich sozusagen weiße Flecken auf meiner Landkarte. Ob meine Projektion passt – um begrifflich in der Kartografie zu bleiben – werde ich erst mit den Testlesern merken.

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