Wie reden Figuren? – Sprachebenen

Wie reden Figuren? – Sprachebenen

Sprache ist die Grundlage dessen, was wir als Autor:innen jeden Tag (okay, zugegeben vielleicht nicht wirklich jeden Tag, aber doch sehr häufig) tun. Sie ist nicht nur für unseren gesamten Text, sondern vor allem auch für die Konzeption unserer Figuren wichtig. Im Mai habe ich euch bereits einen Überblick gegeben, wie ihr eure Figuren nur anhand ihrer Sprache unterscheidbar voneinander machen könnt. Abgesehen von diesen Möglichkeiten gibt es noch die Sprachebenen.

Was sind Sprachebenen?

Selbst eine einzige Sprache, wie das Deutsche, ist nicht immer einheitlich. Es gibt Variationen, die von unterschiedlichen Gruppen oder in bestimmten Kontexten verwendet werden. Sie werden durch bestimmte Begriffe oder grammatikalische Konstruktionen, die teilweise von der Standardsprache abweichen, definiert. Oder anders gesagt: Alles, was von der Standardsprache abweicht, gehört einer anderen Sprachebene an.

Die Ebenen stehen jeweils übereinander, angefangen beim Slang bis hin zur Hochsprache. Unsere Standardsprache ist also nicht die höchste Ebene in diesem System.

Sprache kann jedoch auch durch weitere Merkmale als die reinen Sprachebenen unterschieden werden (Regionalität, also Dialekte beispielsweise). Das heißt auch, dass es für die Gestaltung von Figuren mittels ihrer Sprache noch viele weitere Möglichkeiten gibt. Der Einfachheit halber bleibe ich in diesem Artikel aber nur bei den Sprachebenen.

Welche Sprachebenen gibt es?

Slang und Jargon

Slangs oder auch Jargons bilden die niedrigste Sprachebene. Die Herkunft dieser beiden Bezeichnungen zeigt meines Erachtens schön, was es mit dieser Ebene auf sich hat: Jargon kommt aus dem Französischen und bedeutet in etwa „Kauderwelsch“ oder „unverständliches Gemurmel“, während Slang eine „lässige“ Sprechweise ist. Beide Begriffe können synonym verwendet werden (weshalb ich im Folgenden den Begriff Jargon verwenden werde).

Der Jargon kann weiter ausdifferenziert werden. Es gibt so genannte „Szenejargons“ und „Fachjargons“.

Der Szenejargon ist eine charakteristische, saloppe Umgangssprache, die in einer bestimmten sozialen Gruppe verwendet wird. Ich führe dabei gerne den HipHop-Jargon an, in dem Begriffe aus dem Englischen übernommen werden, die für Außenstehende jedoch nicht immer schlüssig sind. Beispielsweise „Backpacker:innen“ sind im HipHop-Jargon Personen, die hauptsächlich Underground-HipHop hören. Aber auch in den sozialen Medien entwickeln sich immer wieder Sprechweisen, die für Außenstehende nicht verständlich sind. Gerade Twitter mit der begrenzten Zeichenzahl erfordert kreative Abkürzungen, und auch Begriffe wie „DruKo“ und „DrüKo“ (Drunter- bzw. Drüber-Kommentar, also auf einen Tweet entweder in einer Antwort oder in einem Retweet mit Kommentar zu reagieren) sind Teil des Twitter-Jargons. Für eure Geschichten ist das zwar weniger relevant, aber es verdeutlich ganz gut, was es mit dem Jargon auf sich hat.

Wenn ihr euch dies für eure Figuren zunutzen machen wollt, überlegt euch also: Welcher „Szene“ gehört meine Figur an und aus welchem sozialen Umfeld kommt sie? Pauschal lässt sich schwer eine Liste mit Begriffen erstellen, da es eine Unmenge solcher Subkulturen gibt. Wenn eure Figuren einer Szene angehören, von der ihr keine Ahnung habt, hilft Recherche und vielleicht kennt ihr jemanden, den ihr dazu ausfragen könnt.

Der Fachjargon wiederum ist die nicht standardisierte Sprache einer bestimmten Berufsgruppe. Allerdings bedeutet dies nicht, dass jede:r aus dieser Berufsgruppe diesen Jargon auch versteht. Er kann – dadurch, dass er nicht einheitlich ist – regional oder sogar in Unternehmen variieren.

Auch hier ist es schwierig, eine Liste an Wörtern zu erstellen, die Variationen sind unendlich weit.

Umgangssprache

Einen Schritt höher steht die Umgangssprache, sie ist das Gegenstück zur Standardsprache. Sie wird weitgehend von allen verstanden und im Alltag verwendet, entspricht aber eben nicht dem üblichen Standard. Für uns Autor:innen liegt da oft die Gefahr, in den Beschreibungen zu viele umgangssprachliche Begriffe zu verwenden. Bei unseren Figuren dürfen wir diese Scheu vor dieser einfacheren Sprache ablegen, denn warum sollten Figuren in perfektem Hochdeutsch sprechen und immer die korrekte Grammatik verwenden? Nehmen wir mal den Konjunktiv als Beispiel:

„Wenn es nicht regnen würde, würde ich nicht joggen gehen.“

Versus

„Wenn es nicht regnete, ginge ich joggen.“

Letzteres würde kaum jemand so zu seinen Freundinnen sagen. Wieso sollten das also unsere Figuren tun? Eine Freundin hat mal beim Testlesen einer meiner Texte dazu angemerkt:

„Den richtigen Konjunktiv bilden kann er auch noch? Was für ein Traummann …“

Wenn Männer das immer können … !

Alltagssprache

Die Alltagssprache ist das Gegenstück zur Fachsprache. Dabei werden die Fachtermini, die in der Fachsprache verwendet werden, durch alltäglichere Begriffe ersetzt. Statt „durch Empirie“ ist dann von „durch Beobachtung“ oder „durch Erfahrung“ die Rede.

Alltagssprache lässt sich für Figuren gut einsetzen, wenn diese zwar gebildet wirken sollen, aber sich in einem Thema nicht gut genug auskennen, um die Fachtermini zu verwenden. Oder das eigene sprachliche Niveau zu senken, damit eine andere Figur sie verstehen kann. Dadurch kann man aus der Wortwahl eurer Figur viel über ihren Charakter herauslesen. Passt sie sich an, lässt sich schlussfolgern, dass sie mit sozialen Situationen besser umgehen kann, als eine Figur, die mit Fachtermini um sich wirft und dabei nicht verstanden wird.

Standardsprache und Hochsprache

Die Standardsprache oder auch Hochsprache ist, wie der Name schon sagt, eine Form der Sprache, auf die sich alle, die diese sprechen, „geeinigt“ haben. Das heißt, es gibt keine Gruppe Außenstehender, die nicht in der Lage ist, sie zu verstehen. Außerdem wird versucht, eine gewisse Neutralität zu wahren, also keine abwertenden Begriffe zu verwenden:

Hund statt Köter

Hände statt Griffel

Pferd statt Gaul

Um nur ein paar Beispiele zu nennen.

Es ist die Sprachform, in der wir (meistens) schreiben und damit für die Figurenkonzeption eigentlich am langweiligsten. Mit folgender Ausnahme: Wenn ihr eure anderen Figuren in einer niedrigeren oder höheren Sprachebene sprechen lasst, sagt es wiederum etwas über diese eine Figur aus, die sich der Standardsprache bedient. Sprechen alle anderen einen Jargon im Gegensatz zu dieser Figur, zeigt das erstens, dass sie nicht zu dieser Gruppe gehört und zweitens durch das deutlich höhere Sprachniveau, dass sie sich über die anderen Anwesenden stellt.

Fachsprache

Streng genommen zählt die Fachsprache nicht zu den sprachlichen Ebenen, da mit jeder höheren Ebene die Sprache weniger exklusiv wird. Fachsprache hingegen ist exklusiv und gehört wie der Fachjargon auch zu bestimmten thematischen Feldern bzw. Berufsgruppen, wie beispielsweise Medizin. Ein Laie kann mit medizinischen Fachtermini wenig anfangen.

Für unsere Figuren bedeutet dies einerseits, dass wir aufpassen müssen, unsere Leser:innen nicht zu überfordern. Wenn ein Roman gespickt ist mit solchen Fachtermini und diese essentiell sind, um die Geschichte zu verstehen, werden die meisten Leser:innen wenig Spaß mit dem Buch haben. Allerdings kann Fachsprache eingesetzt werden, wenn die durchschnittlichen Leser:innen nur so viel verstehen sollen, wie die Protagonist:innen. In einer Krankenhaus-Szene kann ein:e Protagonist:in von den Aussagen der Ärzt:innen heillos überfordert sein. Um dieses Gefühl an die Leser:innen weiter zu geben, ist es also eine schöne Möglichkeit, die Ärzt:innen in ihrer Fachsprache sprechen zu lassen.

Warum ist es wichtig, die unterschiedlichen Ebenen zu kennen?

Ich habe bereits angedeutet: In unterschiedlichen Situationen verwenden wir unterschiedliche sprachliche Ebenen. Studierende – gerade diejenigen, die nicht aus einem Akademiker-Haushalt kommen – sprechen zu Hause mit ihrer Familie anders, als mit ihren Kommiliton:innen und Professor:innen. Mit Freund:innen, die derselben „Szene“ angehören, sprechen sie wieder anders. Mit sprachlichen Ebenen könnt ihr also einerseits Figuren unterscheidbar machen, wenn es darum geht, ob jemand die Sprache des anderen überhaupt versteht und andererseits, die Position eurer Figur in einem sozialen Kontext verdeutlichen. Ist sie bereit und in der Lage, die eigene Sprache anzupassen? Welche sprachlichen Variationen kann sie überhaupt verstehen? Und daraus resultierend: Wie geht sie damit um, wenn das nicht der Fall ist?

Und jetzt eine kleine Aufgabe für euch:

Werft eure:n Protagonist:in in eine Situation, in der alle anderen einen Slang eurer Wahl sprechen. Versteht dein:e Protagonst:in alles und wenn nicht: Wie sieht die Reaktion darauf aus?  

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