Wie reden Figuren?! – Sprachliche Eigenheiten

Wie reden Figuren?! – Sprachliche Eigenheiten

Ja lol ey – falls ihr jetzt einen gewissen blauhaarigen YouTuber im Kopf habt, ist euch vielleicht schon klar, worauf ich heute hinauswill. Für alle anderen: ist euch in eurem Umfeld schon einmal aufgefallen, wie markant die Sprache der Menschen ist? Egal, ob es um einzelne Wörter, die jemand besonders oft sagt, einen Dialekt oder einen Akzent geht.

Wozu braucht es sprachliche Eigenheiten?

Bestimmt hast du schon mal gehört, dass ein Text nicht mit „[…]“, sagte X überladen werden sollte. Oder bräuchtest du in Harry Potter noch die Information, das Hagrid spricht? Andererseits müssen deine Leser*innen dennoch wissen, wer da gerade spricht – bei mehr als zwei beteiligten Figuren kann das ganz schön unübersichtlich werden. Es sei denn, deine Figuren lassen sich allein an ihrer Art zu sprechen unterscheiden. Damit ist nicht ihr Tonfall oder die Betonung gemeint, sondern die Worte, die sie verwenden. Welche Möglichkeiten du dabei hast, wirst du im Folgenden erfahren.

Dialekte

Dialekte sind wohl eine der offensichtlichsten, aber auch anstrengendsten Möglichkeiten. Und sie funktionieren vor allem nur dann, wenn du in der Sprache des Landes, in dem deine Geschichte spielt, schreibst. Auf Deutsch den texanischen Dialekt darzustellen, wird schwer und deine Leser*innen werden es wohl nicht verstehen – die meisten Deutschen haben wohl auch nicht im Ohr, wie Südstaatler klingen. Wenn du deine texanische Figur beispielsweise bayerisch sprechen lässt, um zu verdeutlichen, dass sie keine Hochsprache spricht, wirkt das allerdings auch lächerlich.

Halten wir also fest: Der Dialekt muss natürlich zu der Region passen, in der die Geschichte spielt. Und das bringt auch schon den nächsten Punkt mit sich. Dialekte eignen sich vor allem, wenn du Lokalkolorit unterbringen willst. Unter Leser*innen ist das nicht unumstritten, da es gerade für Leser*innen, die den betreffenden Dialekt nicht beherrschen, anstrengend zu lesen sein kann. Daher ist es wichtig, dass der Dialekt anklingt, aber deine Figur kein Kauderwelsch redet.

Für den Fall, dass du besondere Begriffe aus einem Dialekt verwenden willst, die deine Leser*innen aller Wahrscheinlichkeit nach nicht kennen, kann ein Glossar am Ende des Buches hilfreich sein.

Akzente

Akzente finde ich persönlich ein wenig schwieriger, weil sie schnell überzogen und stereotypisch wirken können. Gleichzeitig ist das allerdings auch die Erwartung der Leser*innen. Ein Franzose, der es schafft, ein H auszusprechen? Das kann doch eigentlich gar nicht existieren. Tja, doch. Ob ein Mensch einen Laut aussprechen kann, ist immer individuell. Aber daraus kannst du auch lustige Szenen basteln und mit Klischees spielen. Andere Laute auszusprechen fällt vielen Leuten einfacher, als einen Laut ein bisschen anders auszusprechen: das R gibt es in vielen Sprachen und in vielen wird es gerollt. Das gerollte R im Bayerischen oder Fränkischen ist allerdings ein anderes als im Russischen, das sich wiederrum vom gerollten R im Spanischen unterscheidet. Akzente lassen sich daher auch nicht immer in der wörtlichen Rede darstellen – zumindest, wenn es um die „falsche“ Aussprache geht.

Neben der Aussprache gibt es noch den Satzbau. Wenn deine Figur nicht perfekt deutsch spricht und du das mit einem Akzent verdeutlichen willst, musst du gut aufpassen. Einfach nur die Reihenfolge der Wörter durcheinanderwürfeln erscheint im ersten Moment vielleicht eine grandiose Idee zu sein, aber es ergibt wenig Sinn. Ein falscher Satzbau oder falsche Grammatik entstehen nicht aus einem Luftloch, sondern werden aus der Ursprungssprache übertragen. Im Russischen gibt es das Verb ‚sein‘ nicht in der Gegenwart – d.h. jemand, dessen Muttersprache Russisch ist, vergisst es womöglich auch in der Sprache, die er gelernt hat. Wobei auch hier gilt: das ist immer abhängig von den Sprachfähigkeiten deiner Figur.

Slangs

Eine der besten Nachrichten des Jahres 2019? Das Jugendwort des Jahres gibt es nicht mehr. Schluss mit tinderjährig, napflixen, rumoxidieren oder guttenbergen – um mal ein paar Beispiele des angeblichen Jugendslangs zu nennen. Vielleicht habt ihr einen der Begriffe schon mal gehört – ich jedenfalls nicht, obwohl es angebliche Begriffe meiner Teenie-Zeit sind. Und was sagt uns das? Entweder, dass diese Jugendwörter Mist sind, dass nicht alle Jugendlichen so reden oder dass ich ein merkwürdiger Teenie war. Letzteres ignorieren wir einfach mal. Jugendslang wirkt schneller als jede andere sprachliche Eigenart übertrieben. Vor allem, wenn er aus solchen „Wörterbüchern“ stammt, deren Verfasser*innen ebenfalls schon lange keine Jugendlichen mehr sind, wirkt es aufgesetzt. Wenn du Jugendslang einbringen willst, hör den Jugendlichen in der Bahn oder im Bus zu – gibt es Wörter, die sie besonders häufig sagen?

Bedenke aber: Jugendsprache ist noch mehr im Wandel als Sprache im allgemeinen. Ein Wort, das dieses Jahr viele verwenden, sagt nächstes Jahr schon keiner mehr und wer es doch tut, der ist uncool.

Im besten Fall hast du eine Palette Wörter, die du in deiner Geschichte einsetzen kannst. Aber damit ist die Arbeit nicht getan. Denn nur weil deine Figur 15-Jahre alt ist, heißt das nicht, dass sie Jugendslangs verwendet.  Zu bedenken gilt hierbei, dass unsere Sprache häufig von unserem Umfeld geprägt wird und da Slang vor allem aus speziellen Wörtern besteht, wird nicht nur eine deiner Figuren diese verwenden. Andererseits entsteht der Slang nicht aus dem luftleeren Raum, wenn deine Figuren nicht entsprechend geprägt werden, dann sprechen sie eben auch nicht Slang.

Das Ganze habe ich jetzt am Beispiel Jugendslang aufgezogen, weil mir persönlich das am nächsten ist. Aber das lässt sich auf nahezu jeden anderen Slang übertragen.

Sprachfehler

Es gibt vielerlei Gründe, weshalb manche Menschen bestimmte Laute nicht erzeugen können. Der wohl häufigste ist Lispeln – leider ist es schwer, das in der wörtlichen Rede richtig darzustellen.

Andere „Sprachfehler“ können die Unfähigkeit einer Figur sein, andere Buchstaben oder Laute richtig auszusprechen. Mein Lieblingsbeispiel hierfür sind die Tiere aus Urmel aus dem Eis. Wawan, der statt z immer tsch sagt, Ping, der das sch nicht aussprechen kann und deswegen pf sagt („Mupfel“), Schusch bei dem aus jedem i ein ä wird und Seele-Fant, bei dem aus dem i ein ö wird („Öch weiß nöcht …).

Das schöne daran ist: du musst es nicht erklären. Nach ein paar Sätzen begreifen deine Leser*innen, dass ein Sprachfehler vorliegen müssen und das menschliche Gehirn ist im Stande, den richtigen Sinn zu verstehen. Wichtig ist dabei nur: ein Buchstabe/ Laut reicht in der Regel aus. Wenn alle Vokale durcheinander gewürfelt werden, wird es nicht nur für dich beim Schreiben überfordernd.

Besondere Begriffe

Dazu gehört das Beispiel aus dem ersten Satz dieses Artikels. Die Kombination aus „lol“ und „ey“ ist erstens nicht überall verbreitet und alltäglich, sodass viele von euch sie wahrscheinlich erst durch Rezo gehört haben und deswegen mit ihm assoziieren. Vielleicht fallen euch noch andere Wörter ein, die ihr mit einer bestimmten Person verbindet. Inzwischen ist „Same“ das neue „Dito“ und trotzdem muss ich jedes Mal an eine bestimmte Freundin denken, wenn jemand „Same“ sagt. Warum? Weil sie die Erste in meinem Umfeld war, die das Wort ständig verwendet hat und mich somit in dieser Hinsicht geprägt hat. Wenn du deine Figur also ein bestimmtes Wort immer und immer wieder sagen lässt, werden deine Leser*innen es auch irgendwann mit dieser in Verbindung bringen.

Es können natürlich auch mehrere Wörter sein, die deine Figur immer in bestimmter Reihenfolge sagt. Und auch wenn ich von „besonderen“ Begriffen geredet habe: so besonders müssen sie nicht sein. Sie dürfen in deiner Geschichte nur nicht so alltäglich sein, dass deine anderen Figuren sie ebenfalls immer und immer wieder sagen.

Den Ton und das Maß finden

Das richtige Maß zu finden, ist gar nicht so leicht. Aber, du hast drei Richtwerte: deine Zielgruppe und dein eigenes Empfinden und deine Figur.

Wenn du das Gefühl hast, dass es dir als Leser*in gerade zu viel wäre, dann ist es wahrscheinlich auch zu viel. Dein Instinkt ist die beste Grundlage, wenn du das schreibst, was du selbst lesen wills.

Zum anderen hilft es zu analysieren: Was machen andere Autor*innen in meinem Genre? Wobei an der Stelle ergänzt werden muss: in manchen Genres haben es nur wenige Autor*innen versuchen, ihren Figuren einen eigenen Sprachstil zu geben.  Sei ruhig mutig und probiere mal etwas Neues aus. (Und wenn es dir am Ende nicht gefällt, kannst du es beim Überarbeiten immer noch ändern!)

Aber – und das finde ich persönlich fast am wichtigsten – egal, für welchen Weg du dich entscheidest, es muss zu deiner Figur passen. Der Urbayer wird keinen norddeutschen Dialekt haben. Wenn deine Figur nur ihre Muttersprache spricht, wird sie keinen Akzent haben, und der Slang muss irgendwoher kommen. Lediglich der Sprachfehler hängt nicht (zwingend) mit dem Hintergrund deiner Figur zusammen, hat aber ebenfalls eine sehr starke Wirkung. Nicht umsonst ist das krasseste Beispiel, das mir dafür eingefallen ist, ein Kinderbuch.

Wenn du den richtigen Ton triffst, können all diese sprachlichen Eigen- und Besonderheiten deinen Figuren eine eigene Stimme verleihen, die sie am Ende dreidimensionaler wirken lassen.

Wie sieht es bei euch aus? Haben eure Figuren ihre „eigene Stimme“?

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