Mary Sues und wie sie zu vermeiden sind

Veröffentlicht von Laura Kleinschmidt am

Ich hatte mal ein Mädchen in der Klasse, das den
Namen Mary-Sue trug. Sie war nicht besonders auffällig, trug meistens
Mary-Janes, hatte schulterlanges, blondes Haar, blaue Augen, war relativ schmal
und trug meistens Blusen in der Schule. 
Seitdem Mary Sue in meiner Klasse war,
erinnere ich mich immer an sie zurück, wenn ich eine Geschichte verfasse. Oder
auch nur ein Wort zu Papier bringe, das einen Charakter beschreiben soll. 
Mary
Sue war im wahrsten Sinne des Wortes ein Stereotyp und dass ihre Eltern ihr
auch noch diesen Namen gegeben haben… zum Schreien! 

Marie Sues schrecken ab
 
Mary Sues sind
Charaktere, die zu flach, zu perfekt sind. Die nicht unbedingt Sinn ergeben,
immer dasselbe machen, ein braves, weißes amerikanisches Mädchen sind, meistens
jung, schlank, hübsch, intelligent, aus einer entweder guten oder zerrissenen
Familie, die allerdings noch in Kontakt ist. Oftmals lebt sie in einem
zweistöckigen, weiß gestrichenen Haus, mit einer Veranda, einem weißen Zaun,
einem Geschwisterteil und einem Golden Retriever namens Buddy. 
Nichts gegen
Mary Sue. Wenn Du das hier liest, nimms mir nicht übel. Ach was quatsch ich, Du
sprichst sowieso kein Deutsch.

Mary Sues sind nicht authentisch. An ihnen fehlt
etwas, das der Geschichte die letzte Priese Salz gibt, die einem unter
den Fingernägeln brennt und uns letztendlich dazu veranlasst, diese Geschichte
immer in Erinnerungen und in unseren Herzen zu behalten: Die Realität.
Kein
Mensch ist perfekt. Menschen haben und machen Fehler, sie verhalten sich nicht rational. Sie
werden von Gefühlen gesteuert! Das sollte man in eine Geschichte hineinpacken.
Mary Sues schrecken ab. Selbst
Nebencharaktere, die nicht richtig ausgearbeitet sind, irritieren mich. Jeder
hat eine Geschichte, jeder hat Unsicherheiten, die einen dazu bringen Dinge zu
machen, die man im Nachhinein vielleicht bereut. Jeder hat etwas, das er an
sich nicht leiden kann.

Bevor ich schreibe, denke ich über den
Protagonisten nach und was ihn oder sie dazu eintreibt, einer speziellen
Handlung nachzugehen. Warum brüllt er oder sie in diesem Moment? Warum weint
er? 

Mary Sue und Nicht Mary Sue

In „Die Sache mit der Disziplin“ habe ich bereits
angesprochen, wie wichtig ich Steckbriefe finde. Sie ersparen einem eine Menge
Arbeit. Und sie helfen einem dabei Mary Sues aus dem Weg zu räumen.

Hier ein Beispiel zu einem Musterprotagonisten
alias Mary Sue:

Aussehen:
Haarfarbe: Blond

Augenfarbe: Blau
Teint: Hell
Gesicht: oval
Augenbrauen: gezupft
Figur: schlank, schmale Taille
Brüste: Obwohl sehr schlank, gut ausgereift, eine
handvoll, keiner kann sich beschweren
Beine: Lang, schlank und wohl geformt

Handlung mit Mary Sue:
Mary Sue kommt wie Bibi Blocksberg aus einer Vorstadt namens Neustadt. Sie ist hübsch, intelligent, schüchtern, kaut andauernd auf
der Unterlippe herum (was seit Bella Swan eingeführt worden ist!), fährt ein
gebrauchtes Auto, hat einen vielbeschäftigten, aber besorgten Vater und eine
Mutter mit Perlenkette.
Sie verliebt sich in den Footballstar, der ’nen Sixpack
hat, sie erst neckt, sich dann in sie verliebt, irgendwas passiert, „lass mich
bloß in Ruhe“, „Es tut mir Leid!“,  sie
küssen sich und dann leben sie glücklich an ihr Lebensende mit zwei Komma fünf
Kindern und besagtem Golden Retriever namens Buddy.

Kein Leben verläuft so. Neben wir mal, dass es
wirklich die Storyline ist. Mädchen verliebt sich in populären Jungen. UND
NEIN, sie gibt ihm keine Nachhilfe in irgendetwas.

Aussehen Nicht Mary Sue:
Haarfarbe: Dunkelblond mit helleren Highlights
Augenfarbe: Schlammig-grau
Teint: Hell, ein bisschen rot, da sie schnell
einen Sonnenbrand bekommt
Gesicht: herzförmig mit markanten oder vollen
Wangen
Augenbrauen: Eine dünner als die andere, da sie
versucht hat diese zu zupfen und dabei so heulen musste, als hätte sie eine
Zwiebel geschnitten (Nein, Scherz. Augenbrauen sind wirklich irrelevant, ein
Hintergrunddetail wäre es jedoch, um einen Charakter realer zu machen.)

Figur: Eine schmale Taille, runde Hüften und
Oberschenkel, die in ihren Augen zu groß sind

Brüste: Passend zu ihren Proportionen. (Bitte
erinnert euch daran: Ist ein Mensch sehr dünn, hat er oftmals eine flache
Oberweite. Brüste nehmen auch zu, wenn der Körper es tut!)
Beine: Hat sie ein O-Bein? Sind sie kurz und
schmal? Oder eher stämmig? Lang? Wohlgeformt?

Handlung mit Nicht Mary Sue:
Nicht Mary Sue kommt aus einer normalen Familie.
Sie wohnt in einem zweistöckigen Haus (wen interessiert es, wo sie wohnt?), ihr
Vater arbeitet viel und ihre Mutter ist von einem anderen Geschwisterteil
besessen, da dieser alles besser macht.
Sie fühlt sich oft unverstanden und
weiß nicht, wie sie sich richtig ausdrücken soll, damit man sie verteht. Nicht
Mary Sue liest gerne, malt, dichtet, spielt Computer, chattet, bla bla, hat
irgendein Hobby, das sie ein bisschen definiert.
Sie muss den Bus zur Schule
nehmen, wie jedes andere Kind auch, stolpert manchmal, rennt irgendwo gegen
oder setzt sich in Ketchup, weil das den Besten auch geschieht.
Nicht Mary Sue
beobachtet von der Ferne. Vielleicht beobachtet sie einen Streit zwischen
Footballspieler und seiner Freundin, dieser beleidigt sie im falschen
Deutsch/Englisch/Russisch und Freundin sagt etwas, das nicht unbedingt Sinne
ergibt.
Nicht Mary Sue korrigiert aus Versehen, wird angestarrt, wird rot,
entschuldigt sich, dreht sich um, geht. Vielleicht sieht sie ihn in der Kirche
wieder, vielleicht auch bei einer Ballettveranstaltung vom Wunderkind wieder,
beide langweiligen sind, beide fühlen fehl am Platze vor, beide kommen ins
Gespräch.

Figuren brauchen einen Hintergrund und Macken

Erinnert Euch daran, dass Nicht Mary Sue nicht
der einzige Charakter sein sollte, der nicht perfekt ist. Footballspieler hat
auch einen Hintergrund, eine Geschichte, etwas das ihn definiert. Er muss nicht
immer gemein, sexy und dunkelhaarig sein. Er muss nicht immer einen
Ferrari/Volvo fahren und Haare haben, die ihm wuschelig vom Kopf abstehen.

Gegensätze ziehen sich an. Das ist das, was eine
Geschichte ausmacht. Nicht jeder hat immer dieselben Ansichten, dasselbe
Aussehen, dieselben Interessen.

Protagonist und Antagonist mögen vielleicht blond
und brünett, grün und braunäugig, hell und dunkel sein. Sie gleichen sich aus.
Wie jeder Mensch, der eine Beziehung zu einem anderen hat, es macht. Es muss
nicht Freund und Freundin sein, es kann sich genauso gut um Vater und Tochter,
Oma und Opa, Fremder und Protagonistin handeln.

Wichtig ist, dass man sich daran erinnert, dass
die kleinen Macken die Dinge sind, die uns oftmals anziehen. Vergesst das nicht,
wenn Ihr schreibt. Denkt Euch neue Macken aus. Nicht jeder knabbert an den
Fingernägeln oder einer Haarsträhne.
Ich zum Beispiel niese oft, wenn ich lachen muss und schnarche
leise (und manchmal laut. Meine Freundin behauptet, ich schnarche wie eine
Kettensäge. Lügnerin!)

Bevor Ihr Euch hinsetzt, überlegt Euch die kleinen
Ticks, die Unsicherheiten eines Charakters. Diese steuern oft Handlungen, wie
im normalen Leben. Und eben diese Unsicherheiten/Handlungen/Gefühle helfen Euch
dabei, einen Charakter nicht Mary Sue-ig werden zu lassen.
Denn sobald ein
Charakter seine Schwächen, Unsicherheiten und Ängste hat, interessiert es wohl
kaum noch jemanden, ob besagter Charakter noch einen weißen Gartenzaun hat.


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