Spannungsvolle Szenen schreiben

Veröffentlicht von Thomas Williams am

„Gerade
eben hatte Mark sich noch im Land der Träume befunden. Zwischen zwei leicht
bekleideten Supermodels, die er mit seinen 60 Jahren immer noch beeindrucken
konnte und die ihm sagten, dass er der einzige für sie sei. Aber wie in einer
schlechten Sitcom musste sich im entscheidenden Augenblick seine Frau zu ihm
ins Bett legen und ihn aus seiner Traumwelt reißen. Noch ganz benommen zog er
die Decke etwas mehr an sich, bevor sie ihm diese klauen konnte, als ihm etwas
einfiel. Er lebte alleine.“

Wenn
du jetzt wissen willst, wie es mit Mark weiter geht, habe ich mein Ziel
erreicht und Spannung aufgebaut. Und das gerade mal mit dem Satz am Schluss des
Auszugs. Ebenso gut hätte ich schreiben können, dass Mark am Telefon mit einem
Kollegen über seine Schwiegermutter lästert, als er merkt, dass diese direkt
hinter ihm steht. Spannung aufzubauen ist nicht besonders schwer, sie zu halten
ist das Kunststück.

Ist
eine spannende Szene zu kurz, enttäuscht sie den Leser.
Ist
sie zu lang, langweilt sie ihn (Du willst auch nicht 30 Seiten darüber lesen,
wie das Bikinimädchen vor dem Maskenmann weg rennt, oder?).
Wenn
du also eine aufregende Stelle in deiner Geschichte schreibst, sieh immer wieder
nach, wie lang sie inzwischen ist. Lies sie selber noch einmal durch. Würde sie
dir als Leser gefallen? Ist sie zu lang/zu kurz?
Als
Autor musst du dich immer wieder in die Lage des Lesers versetzen. Und sei
dabei selbst dieser Leser, denn wie ich im ersten Teil meiner Schreibtipps
geschrieben habe, solltest du für dich selber schreiben. Kaufst du der Figur
ihre Handlungen ab? Du hast sie erschaffen, wie würde sie einer Extremsituation
reagieren?
Lass
deinen Figuren dabei so viel Freiraum wie möglich. Sie sollen die Geschichte
selber leben und nicht tun, was du in einer solchen Lage unternehmen würdest,
denn sonst handeln irgendwann alle Charaktere gleich.
Genaugenommen
kann auch niemand sagen, wie jemand in einer gefährlichen Situation reagieren
würde. Angst, Panik, Schreie. Das ist vollkommen menschlich und
nachvollziehbar. Aber wie würde jemand reagieren, der alleine lebt und zu dem
jemand ins Bett steigt?
Fragen
wir Mark.
„Einen
Augenblick lang glaubte er immer noch zu träumen und dass es einfach einen
dieser plötzlichen Szenenwechsel gegeben hatte. Im ersten Moment saß er in
einem Porsche, im nächsten nackt auf dem Fahrrad. Aber er war wach und da
bewegte sich tatsächlich jemand, oder etwas auf der anderen Seite seines
Bettes. Schreiend und so schnell es sein gealterter Körper zuließ, sprang er
aus dem Bett. Es gelang ihm nicht so zügig, wie er es gerne gehabt hätte. Die
Bettdecke verfing sich kurz um seine Beine und er glaubte schon zu stürzen, als
seine Füße den Boden berührten und er endlich aufstehen konnte. Mark wirbelte
herum, hörte das Bettgestell unter der Bewegung seines Verfolgers quietschen,
welchen er in der Dunkelheit nicht sehen konnte.
„Wer
ist da?“, kreischte er und glaubte doch so etwas wie eine Bewegung vor seinen
Augen ausmachen zu können. Etwa in Augenhöhe, als hätte sich gerade jemand vor
ihm erhoben.“
In
diesem Beispiel hätte wohl jeder so reagiert wie Mark. Eine vollkommen
menschliche Reaktion. Wir versuchen vor der Gefahr zu fliehen. Und so sollten
deine Figuren reagieren. Menschlich, verletzbar. Der Leser soll sich mit der
Figur vergleichen können, eigene Auswege suchen. Vermeide Klischees oder
unrealistische Stellen. Solltest du nicht gerade über Superman schreiben, haben
deine Figuren genauso Angst und einen gesunden Überlebensinstinkt wie du.
Gleichzeitig musst du bedenken, in was für einer Verfassung sich dein Charakter
befindet. Dass Mark schon etwas älter ist, war jetzt reiner Zufall, aber ich
konnte es für meine Geschichte ausnutzen und ihn etwas langsamer machen. Ein
junger Sportler wäre nach zwei Sätzen schon bis nach Shanghai gelaufen, oder so.
Denk daran, wie fit deine Figuren sind. Haben sie Schwächen oder Stärken. Ein
Asthmatiker mutiert nicht zur Kampfmaschine, und eine solche fürchtet sich
vielleicht nicht so leicht.
Und
behalte die Umgebung im Auge. Als Autor bist du mitten in dieser Szene drin,
siehst alles vor dir. Natürlich darfst du diese Umgebung auch nicht einfach
verändern. In meinem Beispiel würde Mark nicht plötzlich eine Schrotflinte in
der Hand halten. Wo sollte er die her haben? Aus der Nachttischschublade?
Versuch
nicht deinen Figuren irgendwelche Hilfsmittel in die Hand zu zaubern, lass sie
alleine einen Ausweg aus ihrer Situation finden. Beobachte sie und behalte
immer im Kopf, wie sie handeln würden.
„Mark
lebte lange genug in dieser Wohnung, um sich auch in kompletter Dunkelheit
zurecht zu finden. Er erreichte die Zimmertür blind, riss sie auf und stürmte
in den dahinter liegenden Flur. Sein Herz hämmerte in seiner Brust. Er hatte
das Gefühl keine Luft zu bekommen und der im Halbdunkel liegende, schmale Gang
zur Wohnungstür erschien ihm plötzlich unendlich lang. Als er um Hilfe schrie,
bereute er zum ersten Mal in seinem Leben, in ein gut isoliertes Haus gezogen
zu sein. Abe er hatte es ja so gewollt, um Ruhe vor den Nachbarn zu haben.
Diese würden jetzt weder ihn, noch die stampfenden Schritte hören, welche ihm folgten.“
Hier
sind wir wieder bei der Umgebung. Ist sie Vor- oder Nachteil für deinen
Charakter? Nutze sie aus, um deine Szene farbig zu gestalten (Farbig, ha. In
meiner ist es stockdunkel und ich rede von Farben). Spannende Szenen reißen dich
als Autoren oft genauso mit, wie den Leser und dabei können dir Fehler
passieren. Ein weiterer Grund deine Szene nach der Fertigstellung noch einmal
zu lesen, falls du etwas übersehen hast. War dein Charakter nicht eben noch
verletzt und kämpft jetzt schon wieder um sein Leben, als wäre nichts gewesen?
Wie ich weiter oben schon schrieb: Mach dir Gedanken darüber, in welcher
Verfassung sich deine Figur befindet. Versetz dich in sie hinein und überleg
dir, wie sie handeln würde. Es ist nicht wichtig daran zu denken, dass Leser
der Meinung seien könnten, sie persönlich würden anders agieren. Wenn sie die
Szene fesselt, hast du sie schon für dich gewonnen. Aber wenn deine Figur
plötzlich einen völlig unlogischen Schritt wagt, verärgert dies den Leser. Es
wirkt unrealistisch. Wie eine Notlösung.
Mark
könnte sich jetzt umdrehen und seinem Angreifer entgegentreten, aber das wäre
verkehrt, oder?
„Er
lief in die Tür hinein, musste sich ganz einfach eine Sekunde an ihr abstützen,
damit seine zitternden Knie nicht unter ihm nachgaben. Ohne zurückzublicken,
riss er die Wohnungstür schließlich auf und flüchtete in den Haustür. Seine Hilfeschreie
waren nur noch ein heiseres Krächzen. Es gab ein Fenster am Ende des Flurs. Das,
durch dieses fallende Mondlicht, tauchte den Gang in ein Halbdunkel. Bis zur
Treppe würde Mark es nicht schaffe, also warf er sich in die nächste
Apartmenttür und begann mit letzter Kraft auf sie einzutrommeln. Panisch
richtete er den Blick in die Richtung, aus welcher er gekommen war. Noch fehlte
von seinem Verfolger jede Spur und er konnte nicht sagen, ob es sein eigener
Herzschlag oder die schweren Schritte waren, die er hörte. Wieder schlug er auf
die Tür ein, bat mit heiserer Stimme um Hilfe, als er von der anderen Seite
Geräusche hörte. Er hätte vor Freude weinen können.“
Mark
ist also völlig am Ende. Das kann jeder nachvollziehen.
Was
ich mit diesem Text bewirken wollte, war, dir zu zeigen wie wichtig es ist bei
einer spannenden Szene daran zu denken, in welcher Verfassung und in was für
einer Umgebung sich deine Figur befindet. Es gibt so viele unterschiedliche
Arten eine solche Stelle in deiner Geschichte zu schreiben und das hier ist nur
ein kleiner Abriss. So lang er auch wirken mag. Wenn ich schreibe, achte ich sehr
darauf, wer meine Figuren sind, um sie nachvollziehbar bleiben zu lassen. Ich
helfe ihnen nicht, sondern beobachte, damit es nicht gekünstelt wirkt. Beachte
dabei aber auch Stärken und Schwächen.
Sicherlich
werden wir hier noch öfter über das Thema sprechen und Tipps dazu geben, denn
da gibt es noch einige Herangehensweisen und ich kann hier nur solche nennen,
die für mich funktionieren.
Oh
und was den Verfolger von Mark betrifft…
Sagen
wir, ein betrunkener Jugendlicher hat sich in der Tür geirrt und dachte, er
steigt zu seinem großen Teddybären ins Bett.
Kinder,
macht das nicht zu Hause nach.

1 Kommentar

Laura · 28. September 2018 um 10:40

Gut beschrieben. Nur wie kann sich Mark in eine Apartmenttür werfen? „warf er sich in die nächste Apartmenttür“

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