Utopie, Dystopie, Eutopie – Begriffe der Zukunftsszenarien

Veröffentlicht von Cassiopeia Casteels am

Utopie, Dystopie, Eutopie

Wir kennen alle die dystopischen Klassiker wie „1984“ von George Orwell – übrigens immer noch mein absolutes Lieblingsbuch – oder Aldous Huxleys „Brave new world“. Im Gegensatz dazu stehen in der Literatur üblicherweise die Utopien, angefangen bei Thomas Morus‘ „Utopia“.

Was bedeuten diese Begriffe eigentlich?

Ganz allgemein werden damit Zukunftszenarien für Gesellschaft und Politik beschrieben, die aus aktuellem Blickwinkel im Bereich des Möglichen liegen. Ein aktuelles Thema wäre also der Klimawandel inklusiver seiner Folgen. Aus diesem Grund verlieren die drei genannten Klassiker auch nie an Aktualität – nach der Wahl Donald Trumps stiegen etwa die Käufe von „1984“ rasch an und in politischen Debatten wird häufig und gerne gewarnt, mit Maßnahme xy nähere man sich dem Orwellschen Szenario an. Welchem Begriff bzw. im Bereich der Literatur, welchem Genre ein Roman zuzuordnen ist, hängt davon ab, ob ein positives oder negatives Bild der Zukunft entworfen wird.

Utopie, Dystopie, Eutopie – was heißt das denn jetzt genau?

Um zu verstehen, was genau eine Utopie ist, hilft es zu verstehen, was eine Eutopie und was eine Dystopie ist.

Die Dystopie wird gerne auch als „Anti-Utopie“ bezeichnet, und ist somit das Gegenteil zur Utopie, unter der im allgemeinen Sprachgebrauch, sowie häufig in der Literatur, eine positive Zukunftsvorstellung verstanden wird. Die Eutopie ist in unserem heutigen Sprachgebrauch als Begriff deswegen irrelevant geworden, weil sich unser Utopie-Begriff gewandelt hat. Alle drei Begriffe stammen aus dem altgriechischen, übersetzt heißen sie in etwa: nicht-Ort, Glücksland und schlecht-Ort. Könnt ihr euch denken, was was ist? Schlecht-Platz und Dystopie dürften deutlich sein, aber welche Übersetzung gehört zur Utopie? Die deutsche Übersetzung zu Utopie ist nicht-Ort, von der Wortbedeutung her ist die Utopie also neutral bzw. kann sowohl positiver als auch negativer Natur sein. Während dem Begriff nach die Eutopie – also das Glücksland – das Gegenteil der Dystopie ist.

Aber warum sagt man nicht „Eutopie“?

Der Begriff Eutopie ist in unserem Sprachgebrauch vor allem dank der englischen Sprache ausgestorben. Ihr könnt es gerne selbst einmal ausprobieren, sprecht „Eutopia“ und „Utopia“ einmal laut englisch aus – hört ihr einen Unterschied? Wenn, dann ist er so gering, dass er kaum auffällt. Das Resultat daraus war, dass Eutopie und Utopie im englischsprachigen Raum häufig synonym verwendet wurden und werden.

Das führt dann zu mehr oder minder lustigen Diskussionen, wie ich sie vor einigen Wochen abends bei einem gemütlichen Bier führen durfte: Ist „1984“ nun eine Dystopie oder eine Utopie? Die Krux dabei ist: Beides, aber irgendwie auch nicht. Ich persönlich bin übrigens ein großer Fan von „Utopie“ als Überbegriff dieser gesellschaftlichen Zukunftsszenarien – auch in der Literatur. Warum? Erstens bin ich an Zukunftsszenarien im allgemeinen interessiert, ob positiv oder negativ ist mir zunächst egal – trotzdem muss ich beides immer getrennt suchen (Jaja, wenn man sonst keine Probleme hat …), Zweitens – und das ist m.E. viel wichtiger – positiv und negativ sind normative Begriffe. Klar, wenn die Welt untergeht, weil der Klimawandel nicht gestoppt wurde, dann würden wir wohl fast alle übereinstimmen: negativ. Was ist mit der Vorstellung einer marxistischen Gesellschaft? Für die einen die Verwirklichung ihrer Träume, für die anderen der schlimmste Albtraum. Die vermeintliche Utopie/ Eutopie wäre also für manche eine Dystopie, die vermeintliche Dystopie für andere eine Eutopie.

Und in der Literatur?

Da ist es wohl einfacher in Dystopie und Utopie/ Eutopie zu unterscheiden, selbst bei streitbaren Themen, denn dort legen Autor*innen den Fokus. Wenn man bedenkt, dass die Welt nicht grundlegend schwarz oder weiß ist, sondern nur von uns Menschen als solche eingeteilt wird, so liegt es an den Autor*innen wie sie ihr Szenario darstellen. In unserem Marxismus Beispiel können also Autor*in A (überzeugte*r Marxist*in) und Autor*in B (überzeugte*r Kapitalist*in) über ein und dasselbe Thema schreiben, doch bei A wird der Grundtenor positiv, bei B negativ sein. Während A schildern wird, wie dieses neue System die Gesellschaft bereichert, wird B vor den Gefahren warnen.

Literatur braucht den Begriff der Eutopie also nicht. Oder vielleicht doch? Sich einem unbekannten fremdsprachlichen Begriff anzunähern, funktioniert am besten durch eine zunächst wörtliche Übersetzung. Nimmt man unsere gesellschaftlich-sprachliche Prägung weg – ergibt es dann noch Sinn Utopien als prinzipiell positiv zu betrachten? Außerdem wird der Begriff der Utopie immer noch gerne als Überbegriff verwendet, wie Beispielsweise in der Zeit. Ein Überbegriff, der zwar zwei Ausdifferenzierungen – nämlich ein positives Zukunftsszenario und ein Negatives-, aber nur einen Unterbegriff (Dystopie für negative) hat. In der folgenden Ausführung werde ich Utopie auch als Überbegriff verwenden – um Verwirrung vorzubeugen.

Nur weil unsere Bezeichnung bislang so war, muss sie nicht so bleiben. Die Utopie im allgemeinen hat sich längst von ihren Ursprüngen entfernt: Der nicht-Ort (Utopia) hat seinen Namen verliehen bekommen, weil isolierte Gesellschaften auf fiktiven Inseln irgendwo im Nirgendwo betrachtet wurden. Damit spiegelten diese frühen Romane den Zeitgeist wieder – als Thomas Morus 1516 (!) „Utopia“ veröffentlicht, war die Welt noch nicht in ihrer Gesamtheit erforscht. Den nicht-Ort konnte es also irgendwo geben. Der heutigen Zeit entsprechend, gehen moderne Utopien von aktuellen Situationen aus, sie haben die Wahl Trumps, die sogenannte „Flüchtlingskrise“ und die Proteste dagegen, die europäische Integration oder in nächster Zeit auch Fridays for Future und den Klimawandel als Grundlage – aus dem nicht-Ort ist also längst ein konkreter Ort geworden. Warum also nicht in Zukunft auch Eutopie als Subgenre verwenden? Glücksland und schlecht-Ort erscheinen den heutigen Romanen viel würdiger zu sein.


Cassiopeia Casteels

Unter dem Pseudonym Cassiopeia Casteels ist die 1999 geborene Autorin unter anderem in der Schreibnacht und auf Twitter unterwegs. Wenn sie sich nicht gerade ihren Liebes- und Jugendromanen widmet, studiert sie in ihrer Wahlheimat Bamberg Kommunikationswissenschaft und Politik. Seit Anfang 2019 ist sie zudem als Redakteurin für das Schreibnacht-Magazin aktiv.

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